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Bilder, Berichte und Geschichten aus Griechenland








Eis auf dem Gipfel des Zas

oder

Zas on the rocks


Der Berg ruft.

Wir hören ihn zwar nicht, aber wir sehen ihn oft.

Weit in der Ferne, im Dunst der Ägäis ragt er unübersehbar hervor,
gibt klar zu verstehen, dass er der höchste ist,
der gewaltigste Berg in der Kykladenwelt.

Mit seinen 1001 m ist er zwar nicht der Mount Everest, aber ein Spaziergang hinauf wird es wohl nicht werden, das Wetter sollte schon stimmen, und oft ist seine Spitze in Wolken gehüllt.

Immer wieder schauen wir von Irakliá aus hinüber, sehen, dass es doch noch ein Stück höher gehen wird. 

Unser Zeithorizont wird immer enger.

Nur zwei Tage haben wir uns vor der Rückreise für Naxos vorgenommen. Mit Eric, den wir hier treffen werden, wollen wir den Zas besteigen. 

Am Abend beschleicht uns ein mulmiges Gefühl. Den ganzen Tag über war es wolkig, manchmal regnete es sogar, windig war es auch.






Wie oft habe ich mir geschworen: Den Zas bezwingst du nur bei bestem Wetter!

Ich gebe die Hoffnung langsam auf, bereite Eric darauf vor, dass wir bei nicht optimalem Wetter wohl eher in Filoti, der Basisstation bleiben werden, evtl. noch einen kleinen Ausflug nach Danakos machen…

Der nächste Morgen verheißt nichts gutes: die Wolken ziehen sich hinüber bis Paros, der Zas ist in den Wolken verschwunden.

Wir fahren trotzdem los, ich freue mich schon auf die urige Taverne "Florakas" in Danakos, die einen guten Ruf genießt, der Wirt soll Jäger oder Hirte oder so was sein und vorzügliche Fleischgerichte haben, ein Tipp von Georgios aus Mikri Vigla.

Doch plötzlich reißt der Himmel auf, in Windeseile verziehen sich die Wolken, wie blank geputzt erscheint der Himmel als wir bei der Kapelle
Agia Marina unser Auto parken.

Kurzer Ceck: Habt ihr Wasser und Proviant dabei? Ja klar, haben wir.

Wir stapfen los, vorbei an einigen überfüllten Mülleimern, aus denen etliche leere Wasserflaschen quellen.

In der Zwischenzeit erweist sich meine Jeans sogar als falsche Bekleidung, die Kraft der Sonne nimmt stetig zu, kurze Hose wäre angesagt.









Der Weg ist gut markiert, ein Verlaufen fast schon unmöglich.
Gott sei Dank sind wir fast allein. 

Etwas schmunzeln muss ich doch, als Eric seine Wasserflasche zückt.

Ganz clever hat er sie am Abend zuvor ins Eisfach gelegt, hat nun einen schönen Eisklotz dabei, der mit der Zeit immer mehr Wasser leckt. Schon am Strand hat er mit diesem Trick immer gute Erfahrung gemacht.

Tja, die Kraft der Sonne macht es möglich, sein Getränk ist zumindest eiskalt. Das wird sich auch bis zum Gipfel kaum ändern, und so erleben wir Ende September noch Unglaubliches: Eis auf dem Gifel des Zas,
Zas on the rocks.




Die Ausblicke sind grandios, die Vegetation wechselt von üppig zu karg, ebenso das Schuhwerk der uns entgegen kommenden Wanderer: von Stiefel bis FlipFlop ist alles dabei.

So erreichen wir – etwas durchgeschwitzt, aber ohne größere Mühe – schon nach ca. 90 Minuten den Gipfel. 

Hammer!

Der Blick ist sagenhaft, ich hätte nicht gedacht, dass direkt hinter dem Weg ein steiler Abhang hinuntergeht, hatte mir eher eine Hochebene vorgestellt. 









Es hat sich auf jeden Fall gelohnt. Wir tragen uns in das Gipfelbuch ein, das in einer Art Briefkasten untergebracht ist, machen die obligatorischen Fotos mit Selbstauslöser – wagen es nicht, andere Gipfelstürmer hierum zu bitten – und suchen uns weiter unterhalb ein schattiges Plätzchen unter einem Baum für die Rast.

Den Abstieg bewältigen wir in einer knappen Stunde, werfen noch einen Blick in die Kapelle Agia Marina und steuern direkt einen Kiosk in Filoti an, wo Eric in Windeseile zwei eiskalte Dosen Cola light entseelt.

Aha, deshalb war er beim Abstieg immer vornweg.








Sept. 2008

Es ist viel passiert auf Irakliá.

Oder auch nicht.






Unsere Erwartungen waren nicht sehr hoch, einfach nur ein paar Tage ausspannen, sich auf der ruhigen Insel wohlfühlen, im Maistrali die Abende genießen.

Das Wetter war nicht schlecht, als Anna mit ihrer roten Mähne uns wie gewohnt am Hafen von der Scopelitis abholte, herzlich umarmte, als hätten wir uns erst gestern gesehen.

Sie hatte ihre Rooms noch gut belegt, trotz Ende September war bei ihr noch einiges los. Die nachbarliche Konkurrenz aus Albanien hatte ihr ihre Hilfskraft im Frühjahr ausgespannt, die Albaner führen mittlerweile das „Alexandra“ als Pension, bald auch das "Maria" und das Restaurant "O Pevkos", haben schon fast auf Iraklia Überhand gewonnen. Von den Touristen bekommt fast niemand etwas davon mit, denn wer merkt sprachlich schon den Unterschied?

So musste Anna die ganze Saison über den Roomservice allein machen, nachdem der Bürgermeister die Hilfskraft von der Insel verwiesen hatte. Die Rivalen kamen ungeschoren davon, und Anna hatte noch zusätzlich ihre Arbeit in ihrem Supermarkt.

Aber sonst war alles so wie früher.






Oder auch nicht.

Natürlich wurde auch auf Irakliá inzwischen viel gebaut. Einige neue
Rooms sind dazugekommen, wie das "Aiolos" hoch über dem Hang beim
Wasserspeicher. Es bietet sogar Pizzaservice bis an den Strand.

Auch die alten bewährten Rooms tun immer noch ihren Dienst,
wie das Haus von Manolis, das jetzt "Sunset" heißt und am Ortsende
am Hang hinter der Melissa liegt. Wir mussten immer schmunzeln, 
wenn die Neuankömmlinge das Haus suchten und es beschrieben als
"Weißes Haus am Hang mit blauen Fenstern", als ob es davon nur eines
gäbe.






Die Zeit Ende September hat ihren besonderen Reiz:
Die Saison ist fast vorüber, die Griechen haben ihr Geld in der Tasche,
sind noch etwas gelassener als sonst.
Dies die Zeit der Ernte. Der Wein ist schon lange reif,
Oliven noch nicht ganz, aber die Granatäpfel sind prallrot.






Unsere erste Wanderung sollte uns zum kleinen Kiesstrand Turkopígado von Panagia aus führen, und wir staunten nicht schlecht als wir sahen, dass der Weg dorthin zu einer breiten Straße ausgebaut war, die letzten Arbeiten waren voll im Gange, wir liefen über den Rollsplit hinunter. Schön zu wandern war es nicht. Wenigstens hatten die albanischen Bauarbeiter die Straßenrandbefestigungen sehr schön mit Natursteinen gegen den Hang gesichert.









Aus welchem Grund die EU hier Geld in eine Straße zu einer einsamen Bucht auf einer abgelegenen Insel steckt, das wissen nur die Götter,
zumal es auf Iraklia sicherlich sinnvollere Projekte gibt, die eine Unterstützung verdient hätten, wie zum Beispiel die lang ersehnte Kanalisation mit einem modernen Klärwerk.

Denn die Bevölkerung auf den kleinen Ostkykladen sitzt auf ihren Sickergruben quasi wortwörtlich auf einer Zeitbombe. Immer häufiger läuft eine nach der anderen über und das Geschrei und der Gestank ist groß.

Mit der Meerwasserentsalzungsanlage, die als „Bohrinsel“ in der Hafenbucht von Iraklia ankert und angeblich per Wind- und Solarenergie bis zu 70 Kubikmeter Frischwasser pro Tag produziert, ist ja schon ein guter Schritt getan.

Also auf zu neuen Taten.

Wenigstens der Weg zur Tropfsteinhöhle des heiligen Johannes konnte noch nicht asphaltiert sein. Aber auch hier hat sich seit unserem letzten Besuch einiges geändert.






Die Wanderwege sind jetzt gut markiert, wir gehen von Ag. Georgios an der Melissa vorbei auf dem Weg Nr. 7 hinein in die Landschaft.

Schon nach einigen Metern duftet es wie gewohnt nach Thymian, der Blick wird weit, nach Paros und Naxos hinüber, der Sinn wird klar und wir sind schwungartig in diesem Griechenland, das wir so lieben – im Zauber der griechischen Landschaft, wie Nikos Kazantzakis es so schön beschreibt.

Wir müssen hinauf auf den Bergsattel.
Achtung: jetzt nicht den irreführenden Wegweisern folgen, die uns auf Weg Nr. 7 links ab nach Panagia und von dort zur Höhle schicken wollen! Das wäre ein großer Umweg.

Lieber geradeaus weiter über Agios Athanasios (von den drei Häusern scheint nur noch eines bewohnt) hoch auf den Bergrücken, dort kommt von links der Weg von Panagia herüber, wir halten uns weiter geradeaus und gehen den Weg – jetzt mir Nr. 3 bezeichnet - den Berg auf der anderen Seite wieder hinunter zur Höhle, die am Ende er Bucht von Alimiá liegt.




In dieser Bucht liegt unter Wasser  – seit dem Zweiten Weltkrieg – das Flugzeugwrack eines Seeaufklärers, dessen Propeller in einer abenteuerlichen Aktion vor etlichen Jahren per Ausflugsboot beborgen wurde. Aus einer Laune heraus beschloss man damals, den Propeller mit vereinten Kräften auf das kleine Boot zu hieven (und glaubt mir, das Ding sieht verdammt schwer aus, die drei Propellerflügel sind nicht aus Holz, sondern aus Metall!) Da das Boot jetzt mit dem Propeller völlig überladen war, musste die Badegesellschaft natürlich in ihren Badelatschen zu Fuß zurück nach Agios Georgios, was allein mit festen Schuhen schon eine ordentliche zwei- bis dreistündige Wanderung ist. Vasili, der damals dabei war, erzählt uns die Geschichte und zeigt uns das Museumsstück, das jetzt im Garten der Villa Glafkos liegt.
Ein Zeitungsbericht über den Flugzeugabsturz hängt an der Wand im Perigiali-Supermarkt von Anna.






Siehe auch:
http://bluefindivers.gr/aradoplane.htm


Nun aber weiter zur Höhle:

Der Weg ist gut ausgebaut, die schwierigsten Stellen wurden inzwischen befestigt und teilweise mit Randmauern versehen. Nur das alte Hinweisschild direkt vor der Höhle übersieht man leicht.

In der Höhle, in der einmal im Jahr das Fest des heiligen Johannes gefeiert wird, hat sich nicht viel geändert. Am Eingang hat irgendjemand eine Art Ariadnefaden installiert, eine aufgewickelte Leine.

Auch ganz Ängstliche können so den Weg ins Innere der Höhle wagen.
Kurz die Glocke am Eingang geläutet, ein paar mitgebrachte Kerzen auf dem Altar angezündet, und nach einiger Zeit haben wir uns an die Dunkelheit gewöhnt.






Eine kleine Rast, kurz noch einen Apfel gegessen, und dann geht es über den fast ausgestorben wirkenden Ort Panagia in ca. zweieinhalb Stunden wieder zurück nach Ag. Georgios. 

Da weiß man am Abend, was man getan hat! Und die Belohnung durch einen gemütlichen Abend bei Nicholas im "Maistrali" ist gesichert. Die Katzen machen Männchen, Vasili zeigt uns seine Naxos-Augen, die er in den letzten zwei Wochen hier auf Iraklia gefunden hat.












Das Essen ist gut und günstig, wir schwelgen in Erinnerungen alter Zeiten, die vom alten Schiffskoch Dimitri und Kapitän Manolis geprägt sind, wie wir damals im "O Pevkos" unter dem Baum die Nächte durchgesoffen hatten, zum Pinkeln in den Garten des Nachbarn gingen, weil wir in der Dunkelheit das Klo und schon gar nicht den Lichtschalter hinter dem Haus gefunden hatten. Dimitris Hund Thomás schaute uns von seinem Stammplatz auf dem Baum nur ungläubig zu.

Waren das Zeiten!

Vasili, ein alter Manolis-Freund erinnert sich gut.

Die Zeiten ändern sich, die jungen Frauen wandern ab, die verbliebenen Burschen spielen die Angeber und buhlen um die letzten weiblichen Wesen,
fahren mit ihrem Alfa Romeo oder Moped die Dorfstraße auf und ab.
Die neuen Lehrerinnen sind da willkommen. Umso größer die Enttäuschung, wenn diese ihre Lover bereits im Schlepptau mitbringen.

Die Alten sterben auf Iraklia langsam aus, und auch unser Dimitrios, der alte Schiffskoch mit seinem Restaurant "O Pevkos" ist im Juli 2006 verstorben, im Juni 06 hatten wir ihn noch in der Melissa gesehen.

Sein Grab auf dem kleinen Friedhof über der Bucht haben wir besucht, im nächsten Jahr sollen die Gebeine in das Beinhaus übertragen werden.





Wir saßen oft zusammen im Kafenion Melissa, das auch heute noch nichts von seinem Charme verloren hat, tranken Kakao oder Portokalada, die immer freundliche Georgía strahlte eine wunderbare Ruhe aus, und allein deswegen ist Iraklia auch heute noch die Reise wert. Trotzdem werde ich den Eindruck nicht los, dass das intakte Dorfleben auf Irakliá bröckelt, das Tourismusgeschäft gewinnt die Oberhand.









Ja, es ist viel passiert auf Irakliá.

Oder auch nicht. Aber wen interessiert das schon?

Wir jedenfalls werden wiederkommen.










Vom Reisen und Schreiben





Es handelt sich um ein Zitat aus Wikipedia:

„Als Forschungsreise (früher auch: Studienreise) bezeichnet man eine Reise, die ein Wissenschaftler zur Erlangung von Erkenntnissen auf seinem Fachgebiet unternimmt. Teilweise werden sie durchgeführt um in fremden Städten befindliche Bibliotheken und Archive zu konsultieren, häufig dienen sie aber auch dem Studium des wissenschaftlichen Objekts selbst, etwa von Ausgrabungen, Baudenkmälern, Gesteinsformationen oder fremden Tier- und Pflanzenarten.

Eine Sonderform der Forschungsreise ist die meist in entlegene und unzugängliche Gebiete führende Expedition.“

Nun, soweit unterscheidet sich die Forschungsreise also nicht von unserer Urlaubsreise:

Als Urlaubsreise bezeichnet man eine Reise, die ein ganz normaler Mensch zur Erlangung von Erkenntnissen auf ihm unbekanntem Terrain unternimmt. Teilweise wird sie durchgeführt, um auf fremden Inseln befindliche Tavernen und Pensionen zu konsultieren, häufig dient sie aber auch dem Studium des kulturellen Objekts selbst, etwa von Ausgrabungen, Baudenkmälern, Stränden, Wanderwegen, Gesteinsformationen, Bier- und Ouzosorten oder fremden Tier- und Pflanzenarten, oder nur der Erholung.

Eine Sonderform der Urlaubsreise ist die meist in entlegene und unzugängliche Gebiete führende Reise aus Gründen der Nissomanie.

So wie damals Alexander von Humboldt mit der Niederschrift der Erkenntnisse seiner Forschungsreisen das Wissen der Welt vermehrt hat, so ermöglicht uns die Niederschrift der Erlebnisse z.B. dieser Urlaubsreisenden die Darstellung eines recht genaues Bildes des uns unbekannten Terrains, oder wir vergleichen unser Wissen aus früheren Reisen mit dem des Verfassers und wägen es auf Veränderungen ab.

Es ist schon erstaunlich, welch genauen Eindruck wir uns so von den entlegensten Inseln der Ägäis verschaffen können, ohne sie je betreten zu haben. Als Reisevorbereitung sind diese Berichte optimal, die Erwartungen werden nicht absurd in die Höhe geschraubt und der Déjà-vu-Effekt beim erstmaligen Betreten der Hafenmole ist garantiert.

Leider geht dadurch die eigene Spannung ein wenig verloren, nichts wirklich Überraschendes kann noch passieren, jedoch wenn die Erwartung nur noch aus Anspannung besteht so soll sie ruhig der Gelassenheit weichen. Und Unvorhergesehenes gibt es dennoch zur Genüge. 

Besonders erheiternd sind auch die Kommentare zu diesen Berichten von denjenigen, die einen gänzlich anderen Eindruck der jeweiligen Insel schildern, die etwa die Qualität der Unterkünfte, des kulinarischen Angebotes und der Freizeitaktivitäten unterschiedlich einschätzen.

Darum wäre es wichtig zu prüfen, bei wem man liest und sich seine Eindrücke abholt. Ein vorheriges Abwägen von Artikeln über bekannte Eilande wäre dabei hilfreich.

 
Denn „Was dem einen sin Uhl is dem andern sin Nachtigall“.











Die Griechen und ihre Tierliebe





Kennt ihr Frank?

Nicht Frank, sondern „Fränk“ ausgesprochen.
Er war ein Chow-Chow, ein echter Rassehund.

Frank war der Liebling von Kostas, unserem Zimmerwirt auf Folégandros, noch im letzten Jahr. 

Jetzt hat Kostas geheiratet, den Hund brauchte er nicht mehr, er ist weg.

Vor zwei Jahren hatte er noch einen Husky, einen echten Husky auf den Kykladen. Den Namen habe ich vergessen.

Er litt unter der Wärme und lag apathisch in der Rezeption vor Kostas Füßen. Im Jahr darauf war er ersetzt durch den lebhafteren Chow-Chow.

Wo denn der Husky geblieben sei?
Ab nach Santorin.

So als hätte er sich ein Ticket gekauft und wäre per Fähre nach Santorin abgehauen. Na, hoffentlich hat er es überlebt,

kälter ist es dort auch nicht.

Das Verhältnis der Griechen zu ihren Haustieren ist schon sehr merkwürdig und bleibt für mich unverständlich.

Auf der einen Seite werden die kleinen Lieblinge gepampert, mit Halsband und Schleifchen verziert. 

Auf der anderen Seite werden Kettenhunde gehalten, die fast verrecken, werden ganze Würfe von Katzen und Hunden einfach umgebracht. 

Natürlich kann man bei der Menge an Katzen sich nicht um jede kümmern. Sie leben oft wild und streunend neben den Menschen her, die ihre Dienste als Mäuse- und Rattenjäger schon zu schätzen wissen.

Wie heißt noch ein Sprichwort:

So wie die Menschen ihre Tiere behandeln, so behandeln sie auch ihre Mitmenschen.

Es gibt noch viel zu tun in Sachen Tierschutz auf den Kykladen.























Design – oder Nichtsign, das ist hier die Frage..





Wo steht die Wiege unserer Kultur?
Natürlich auf den Kykladen.

Diese ausgewogene Harmonie der Farben und Formen, dieses Spiel des schräg einfallenden Abendlichts auf der vielfach gekälkten Hauswand
zeigt die handgeformten Strukturen der Oberflächen und Formen – 
von Künstlerhand.

Ja, hier scheint das Handwerk an sich noch Kunst zu sein.

Doch: lassen wir uns nicht täuschen.
Die Kultur ist dahin, das Design auch.

Wobei böse Zungen schon immer behaupteten, dass die Kykladenarchitektur der einfachen Formen lediglich aus der Not heraus geboren sei – form follows function. 

Farbenfroh geblümte Tischdecken stehen heute im Wettstreit mit wilden Mustern der Bettwäsche, die gerne blau-grün gestalteten Möbel passen haargenau zum Blau der Fensterrahmen (na gut, nicht ganz). 

Die Handwerkskunst hat heute ihre Grenzen.

Nicht eine Ecke in dem neuen Haus zeigt einen Rechten Winkel. Die Tür im Badezimmer stößt unweigerlich ans Waschbecken, dafür lässt das Fenster sich nicht ganz öffnen, weil der Duschvorhang davor montiert ist. Der Ablauf der Dusche hat im Boden das höchste Niveau – rein geometrisch gesehen. 

Steckdosen sind reichlich vorhanden, jedoch an der Wand hinter dem Bettgestell, welches beim Kauf größer ausgefallen war als die ursprüngliche Planung es vorsah.

Aber was wäre Griechenland ohne Improvisation?

Irgendwie geht alles. Hier ein Unterlegkeil zum Schließen der Fenster und Türen, dort ein Kupferdraht, der die marode Sicherung überbrückt.

Und überall werden die urigen griechischen Holzstühle durch Plastiksessel ersetzt ("ich war ein Joghurtbecher…"),

davor der passende Beistelltisch aus Leichtkunststoff - anfällig gegen Rempeleien beim Frühstückskaffee.

Grau – en – haft !










Juni 2008: Serifos, Kimolos, Folégandros, Santorin, Thirassía

Die Früchte des Makarios – das Kloster Taxiárchis auf Serifos


Wie Schnee auf dem Kilimandscharo glitzert uns die Chora von Serifos entgegen, als unser Speedrunner 2 aus Athen zum Sonnenuntergang im Hafen anlegt.






Jetzt also wieder Serifos. Schon etliche Male waren wir hier, aber immer noch blieb ein Besuch des Erzengelklosters Taxiárchis auf unserer Wunschliste, zumal nach einem harten und stressigen Jahr die beiden Erzengel Michael und Gabriel unseren Dank verdient hätten.

Also machen wir uns am nächsten Tag auf, das Kloster zu besuchen – verbunden mit dem Plan einer Wanderung zurück nach Livadi – so wie Katharina sie uns auf ihrer Webseite so schmackhaft gemacht hat.  http://www.nissomanie.de/serifos.php

Die Abfahrtzeiten des Busse von Livadi zum Kloster (früh gegen 6:30 und Nachmittags gegen 14:30) passen uns nicht, und so fahren wir am Vormittag schnöde mit dem Taxi gut eine halbe Stunde zum Kloster vor, nachdem wir den Ort Kéntarchos passiert haben.Wie eine Festung liegt das Kloster an der Straße über dem Meer, natürlich ist es geschlossen und ein Gang um die Anlage lässt keine Möglichkeit erahnen, sie zu betreten.






Hier sind wir also am Erzengelkloster, gebaut wie eine Festung und schon von der Fähre aus weithin sichtbar mit seiner abweisenden Wehrmauer.






Einfach mal die Hand an die sonnengewärmte Mauer legen, das letzte Jahr im Geist Revue passieren lassen, ein kleiner Dank an die beiden Hausherren Michael und Gabriel.






Gerade wollen wir aufbrechen, als ein Auto vorfährt, und heraus steigt Vikarios Makarios – so stellt er sich uns vor.

Ein netter älterer Mann, etwas verschmitzt, er lädt uns ein, das Kloster doch zu besichtigen.






Die hohe Außentreppe ist schnell geschafft und mit einem großen alten Schlüssel schließt er die winzige Eingangstür auf, als öffnete er für uns die Tore zu den Kykladen.









Ein Kätzchen nutzt die Gelegenheit, huscht mit ins Innere und wir sind überrascht.






Ein begrünter Innenhof – fast schon ein Garten bildet das Innenleben hinter den dicken Klostermauern, die etliche Treppenaufgänge und bis zu 60 Pilgerzellen beherbergen, in der Mitte die Kirche, deren Kuppel als einziges Teil von außen hinter den Mauern sichtbar erscheint.






Wir dürfen sie betreten und müssen zuerst die puderzuckersüßen Loukoúmia probieren, die Makarios uns in einer Blechschachtel unter die Nase hält. Viel ist von der alten Kirche nicht übrig geblieben – Fresken über der Eingangstür weisen auf das Jahr 1447 hin, im Boden ein Marmorrelief von 1690, aber sonst ist die Kirche mit ihrer Kuppel offensichtlich neu errichtet worden.






Und dann stehen sie da: die Bilder der beiden Erzengel Michael und Gabriel. Michael als kämpfender starker Engel mit riesigen Flügeln, Gabriel eher als Softie mit weichen Gesichtszügen in edlem Gewand. Schon beeindruckend.









Wir dürfen ein paar Fotos machen und Makarios lädt uns ein, eine Kerze anzuzünden, was wir auch gerne tun – und sehen neben dem Kerzenständer eine kleine Schale, auf der wie zufällig ein 20 Euro Schein ruht. Aha, ein Wink mit dem Zaunpfahl!

Schnell zücke ich meine Geldbörse und lege einen weiteren Schein dazu, damit der erste nicht so allein ist.






Makarios dankt es uns mit einem Lächeln und weist uns den Weg hinaus in den Garten, wir sollen uns noch die Anlage ansehen. Ich schau mich nochmals um und bemerke, wie er soeben unsere Kerzen auspustet, na ja.















Ein kurzer Gang über die Kastromauer, ein Blick in eine der Pilgerzellen
(voll gestellt mit allerlei Gerümpel) und ein paar Fotos von den unzähligen Katzen, die in der Sonne dösen beenden unsere Besichtigung. Gerade wollen wir die Anlage verlassen, da kommt Makarios wieder auf uns zu, in der Hand eine große Tüte mit Aprikosen und zwei riesige Salatgurken – als Geschenk aus seinem Garten, das wir am Abend genießen wollen.






Aha – vielleicht hat er doch ein schlechtes Gewissen wegen der ausgeblasenen Kerzen? Nein, er freut sich, wir packen die Früchte in unseren Rucksack, er winkt uns noch von der Klostermauer nach, als wir die Wanderung zurück über Chora nach Livadi antreten.















Vom Koster Taxiárchis zur Chora von Serifos



Gut eine halbe Stunde dauert der Fußmarsch auf der Straße vom Kloster Taxiarchis nach Kéntarchos zurück, er sah auf der Karte irgendwie kürzer aus.






Hinter Kéntarchos beginnt dann der Aufstieg ins Gelände. Der Kreislauf kommt in Schwung, das Wetter ist gut, nicht zu heiß, und bald haben wir den Kamm erreicht, der uns einen grandiosen Ausblick über die Süd-Ost-Küste von Serifos bietet. Unten sehen wir den Stausee in voller Größe,
die Strände Agios Giannis und Psili Ammos links,  und rechts die Bucht von Livadi und Livadakia.






Von hier aus ist der Weg markiert, mit Wanderpfad-Schild und großen roten Punkten, auch ohne Brille sichtbar. Wäre schön, wenn es überall
so einfach wäre, den richtigen Weg zu finden.
Dann schon bald nach einer Kurve liegt die Chora von Serifos in gleicher Höhe vor uns, zum Greifen nah.












Doch es dauert noch mehr als ein Stündchen, der Weg führt weiter
ins Tal hinab und wieder hinauf, zwischendurch ein Kirchlein – nicht verschlossen – kein Mensch weit und breit.









Das ist genau die richtige Wanderung zum Einstieg in die Kykladenwelt,
viel Kraft wird noch nicht benötigt, eine Gesamtzeit von zwei Stunden ist gut erträglich, und die Ausblicke sind phänomenal.






Am Nachmittag erreichen wir die verschlafene Chora und stärken uns
erst einmal im Karavomilos mit einem Choriatiki, der es in sich hat.









Dann ist das Licht endlich fototauglich, und wir genießen den Ausblick oberhalb der Christos-Kirche vom Kastro aus.









Das Labyrinth der weißen Kubenhäuser hält uns ein paar Minuten gefangen, bis wir wieder den Weg nach Livadi durch Káto Chora antreten.





















Hier möchte ich auf jeden Fall noch die alte Post fotografieren – schon immer ein Lieblingsmotiv von mir. Doch leider existiert diese Postfiliale nicht mehr, aus ihr ist eine Taverne geworden.












Aber der Rückweg auf dem alten Eselspfad hinunter nach Livadi ist immer noch schön, man kann sich abrollen lassen und den Blick genießen.









Von unten glitzert uns mal wieder die Chora wie Neuschnee auf dem Kilimandscharo entgegen.












Kimolo mou - Paradeiso mou... 






Ja, es gibt sie noch, die alten Fähren, bei denen das Deck aus echten Holzplanken besteht. Die Panagia Hozoviotissa gehört dazu.






Von Serifos kommend, einen kurzen Stopp in Sifnos einlegend, bei dem sechs zwielichtige Gesellen in Handschellen  – die Hände auf dem Rücken -von drei Polizisten an Bord gebracht werden und sich dann neben uns munter in den Pullmans rekeln (na, hoffentlich steigen die nicht in Kimolos aus – nein, fahren weiter – Gott sei Dank, vielleicht nach Milos) nähert sich die PH dem Anleger von Kimolos. 

Die Ladeklappe öffnet sich und als einzige Passagiere gehen wir von Bord, fühlen uns wie Jonas, der vom Wal ausgespuckt wurde – einsam und verlassen.






Drei verwegene Gestalten sitzen in der Hafentaverne, sonst niemand da, schauen nur kurz über die Schulter – der Wirt und zwei Gäste. Schon wieder zwei Verrückte, die sich verlaufen haben und zu früh ausgestiegen sind – wo Milos doch so schön sein soll.






Der Wirt erbarmt sich unser, erhebt sich und reicht mir wortlos – ohne mich anzublicken – eine gelbe Werbebroschüre über die schöne Insel Kimolos mit ihren Sehenswürdigkeiten, den "Kimolos Island Guide".

Leider hat er sich in der Farbe vergriffen, denn wie wir später feststellen gibt es auch eine blaue Broschüre mit allen wichtigen Telefonnummern und Adressen, den "Kimolos Tourist Guide".

„Echete Domatio?“ frage ich. „Né, né!“ und er weist die Hauptstraße entlang Richtung Chora, auf der wir die Rücklichter des leeren Busses gerade noch entschwinden sehen.

Etwas besorgt greife ich in meine Hosentasche, finde das Fährticket, zerknülle es missmutig und werfe es in den nächsten orangefarbenen Mülleimer am Hafen. Dann sehe ich, dass er eine Aufschrift trägt:
„Kimolo mou - Paradeiso mou“.

Na, wer´s glaubt ... nicht mit mir!

Wir kennen die Insel von früher, der Weg zur Chora ist wirklich nicht weit. Und so zuckeln wir mit unseren Trolleys die Straße hoch – als grobes Ziel die „Meltemi-Rooms“ im Auge, am Ende des Dorfes.

Die Rooms von Maria Melanitis auf halben Weg direkt an der Straße lassen wir buchstäblich links liegen, obwohl Maria wie die Spinne im Netz schon auf uns gewartet hat und uns ihre Bruchbuden mit muffigem Bad auf dem Flur für 30,- Euro anbieten will. Nein Danke.

Die Abkürzung zur Chora (den Fußweg) nehmen wir wegen unseres Rollengepäcks nicht, bleiben auf der Straße und passieren so an der nächsten Kurve das neue Haus von Maria Tressou mit 6 Apartments, Telefonnummer steht am Haus.

Wir irren noch etwas in der mittäglich leeren Chora umher, wundern uns, dass wir uns hier sogar verlaufen haben, die Meltemi-Rooms daher nicht finden, und kehren dann zu den Apartments zurück. Ein kurzer Anruf, schwups ist Maria zur Stelle, das Apartment nicht billig, recht klein,
45,- Euro aber mit herrlichem Blick über das Meer, wir sind die einzigen Gäste.






Maria ist eine ganz Genaue. Jeder Löffel, jede Gabel ist fein säuberlich in einer Liste eingetragen, jeder Teller, jede Tasse…

Zum Einchecken braucht sie natürlich den Pass, trägt alles in eine andere Liste ein, Ankunftstag, Abfahrtstag und fragt nach der Adresse in Deutschland – alles auf Griechisch, sie spricht kein Wort Englisch (warum sollte sie auch?) – und – allen Ernstes – nach dem Namen des Vaters und der Mutter!  Alles wird fein säuberlich eingetragen, erst dann ist sie zufrieden.

Die Kommunikation geht hauptsächlich per Zeichensprache, das angedeutete Schleppen von zwei Koffern bedeutet: Abreisetag.

In den nächsten Tagen gewöhnen wir uns ein. Unten bei Maria Melanitis wohnen noch ein paar Touristen, aber sonst haben wir die Insel touristisch gesehen wieder für uns allein, jedenfalls am  Abend.









Denn tagsüber geht fast stündlich die kleine Autofähre Panagia Faneromeni hinüber zur Insel Milos nach Pollonia, die Fahrt dauert nur 20 Minuten, bringt etliche Touristen mit ihren Mietautos oder Motorrollern her, die sich dann für ein paar Stunden die Strände oder die beiden Tavernen im Hafen ansehen. 

Auch unser Plan war es, ein Moped auf Kimolos zu mieten, aber Fehlanzeige, es gibt keinen Verleiher vor Ort. So laufen wir die Insel ab, wandern bis zum Marospilia Strand mit seinen bizarren Felsformationen im Hintergrund – wunderschön - zum Kalamitsi, Aliki, Klima und so weiter.












Wir freuen uns über die etwas urigen Kleinstfahrzeuge, die eine Versorgung in den engen Gassen der Chora sicherstellen, kaufen unser Frühstück im Dorfladen ein und kramen unsere letzten Griechischkenntnisse wieder hervor, denn hier spricht niemand englisch. Wir merken bald, das hinter unserem Rücken getuschelt wird, wenn wir vorbeigehen, hören Wortfetzen wie „Domatio Maria Tressou…“, fühlen uns wie echte Exoten.





















Und Kimolos ist noch recht urtümlich – wie vor zwanzig Jahren. Die Häuser sind nicht so herausgeputzt wie auf den übrigen Kykladen, ein morbider Charme umgibt die Insel, der Fisch- und Gemüsehändler kommt mit dem Lieferwagen vorbei, Fahrräder gibt es auf der ganzen Insel nicht, Helmpflicht ist bis zu den Motorradfahrern noch nicht vorgedrungen, Internet Fehlanzeige.

































Fährpläne hängen nicht aus, die beiden Fährbüros liegen gut versteckt, meistens geschlossen, beim Nachbarn klopfen…

Unterwegs zeigt uns der Ziegenhirte stolz seine Tiere, fordert mich auf, sie doch zu fotografieren, die Menschen werden von Tag zu Tag freundlicher, schenken uns zu Pfingsten das traditionelle Hefegebäck.









Nach sieben Tagen grüßt selbst der Wirt von der Hafenkneipe plötzlich freundlich. Respekt!

Am Abend, wenn die meisten Tagesausflügler die Insel verlassen haben, wird es richtig gemütlich. In der Chora ist es nicht leicht ein Restaurant zu finden, das Panorama hat zwar geöffnet, läuft aber auf Sparflamme.

So ziehen wir hinunter in den Hafen und landen im „Exinousa“, das neben dem bekannte „Kyma“ liegt – und haben Glück. Der Wirt Michalis und sein Kellner (sein Cousin) Angelos verwöhnen uns mit Köstlichkeiten. Oft sind wir die einzigen Gäste, was aber der Qualität keinen Abbruch tut – im Gegenteil.

Höhepunkte sind die besonderen Speisen wie Kartoffelsalat mit getrockneten Tomaten, Codfish mit Knoblauchcreme, und die Desserts wie echte (essbare) Honigwaben auf Vanilleeis (Kostas, der junge Imker bringt sie uns selbst stolz an den Tisch), oder sogar frisch gemachte Schokoladensoufflés. So lässt es sich leben!















Das gibt Kraft für die Wanderung am nächsten Tag, wir laufen hoch zur Profitis Ilias Kirche, der alte Maultierpfad ist jedoch inzwischen schon einer Schotterpiste gewichen, die Kirche selbst ist leider verschlossen, der alte Mandelbaum hat seine Tage hinter sich.






Aber die Landschaft ist wunderschön und der Weg lohnt sich allemal, wir genießen den herrlichen Blick, ich zücke mein Fernglas und kann es mir nicht verkneifen, einen Blick auf die Privatinsel der Ventouris zu werfen.






Auf dem Rückweg entdecken wir dann bei unserem Streifzug durch das Dorf wieder einmal unseren Lieblingsspruch –  diesmal als Graffiti an der Wand:






Kimolo mou – Paradeiso mou.

Ja, jetzt kenne ich seine wahre Bedeutung. Kimolos ist uns zum Paradies geworden. 

Und unsere Abfahrt mit der Romilda um 5:30 in der Früh passt genau in dieses Bild.


















Das Papamobil von Thirassia






Ich will nicht sagen, dass ich Santorin nicht mag,
ich hatte es nur nicht auf meinem Schirm für dieses Jahr.
Aber der Reihe nach.






Nach unserem Aufenthalt auf Kimolos machten wir Zwischenstopp auf Folégandros, denn von hier aus sollte die Arsinoi direkt ohne Umweg nach Thirassia gehen, ohne Santorin berühren zu müssen.






Der mehrtägige Check, ob auf Folégandros noch alles in Ordnung ist, brachte einige Neuigkeiten:

Kostas  –  der vom Apartment Folégandros – hat geheiratet, schon eine Tochter und musste daher seinen SLK gegen ein Familienauto eintauschen,

Uta vom Restaurant „Chic“ war mit Familie im Urlaub auf Sifnos, daher war das „To Sik“ Mitte Juni geschlossen,

über Pfingsten war eine Gruppe von fünfhundert Kretern da, die alles belegt hatten,

das Boutique-Hotel ist fertig und der Pool glänzt in der Abendsonne,

auch das Polikandia bekommt einen neuen großen Pool,

die Polizei kontrolliert die Helmpflicht der Mopedfahrer,

die Menükarten der Restaurants sieht man immer häufiger auf Italienisch, die Kellner verabschieden dich mit „Ciao, ciao“.












Wir hatten unsere Tickets für Thirassia schon in der Tasche, als der Wind aufkam.

Ich schätze mal Windstärke 7, mehr war es nicht, aber die Arsinoi wurde gecancelt, es fuhr nur noch die Romilda nach Santorin. Also disponierten wir um, riefen Kostas vom Galini in Oia an, der uns um Mitternacht am Hafen Athiniós abholte und ein schönes Zimmer mit Meerblick für uns hatte. Das Doppelzimmer 40,- Euro, für Santorin in Ordnung, Transfer gratis.









Ein Streifzug durch die Gemeinde am nächsten Tag versöhnte mich auch wieder mit dieser Insel, Fotomotive sind immer willkommen.





















Ein Gemälde in einer Galerie, es sollte 4.500,- Euro kosten, ich hab das Motiv entdeckt und nachfotografiert.









Natürlich hatte sich viel verändert in den letzten Jahren.
Das alte zentrale Café in Thira kannte ich noch im Urzustand von 1981.









Und der Nachbarort Finikia zeigte sich fast in karibischem Flair.
Hier gibt es mittlerweile ein nettes Restaurant.

Das "Krinaki", gute Atmosphäre, preiswert.












Angesichts dieses Ausblicks auf die "Schäl Sick" vermisste ich die Höhlenwohnungen mit Calderablick keinen Augenblick, zumal ich früher einmal furchtbare Zahnschmerzen und Beklemmungen in einer fensterlosen Unterkunft mit Blick durch die Tür von Oia auf Thirassia bekommen hatte. Vielleicht war das der Grund, warum ich unbedingt mit Thirassia noch Frieden schließen musste, und außerdem war sie die letzte Kyklade in meiner Sammlung.






Von Oia nach Thirassia zu kommen war scheinbar ganz einfach,
wie uns die nette Dame aus der „Tourist Information“ am Busplatz sagte.
Um 12:15 Uhr kommt täglich ein kleiner weißer Bus hier auf den Platz, der die Passagiere zum Hafen Ammoudi hinunter bringt, wo ein Schiff nach Thirassia wartet.

Die Rückfahrt ist dann um 16:00 Uhr. Na, dann mal los. Ein mehrtägiger Aufenthalt auf Thirassia kommt für uns so nicht mehr in Betracht, die Zeit drängt und Hetze wollen wir vermeiden.

Also steigen wir gemeinsam mit fünf älteren griechischen Herrschaften in den weißen Transit, der uns hinunter zum Hafen von Oia bringt. Bezahlen brauchen wir für die Fahrt nichts, offensichtlich handelt es sich um einen Gemeindebus, der die Anbindung der Bevölkerung an Thirassia fördern soll.

Für Touristen ist er wohl eher nicht gedacht. Aber wir werden geduldet. Auch die Fahrt mit dem Boot, der „Thirassia“, die in zwanzig Minuten die Strecke von Ammoudi nach Riva, dem großen Hafen von Thirassia zurücklegt um dann weiter nach Corfos zu fahren, kostet uns nichts, es werden keine Tickets verkauft, lediglich ein kleines Trinkgeld wird erwartet.






Es schaukelt ganz schön, der Wind hat noch nicht wirklich nachgelassen, und wir steigen lieber schon in Riva aus, auch um zu checken, wie wir mit dem Gepäck hoch in den Hauptort nach Manolas gekommen wären.












Riva macht einen ziemlich erbärmlichen Eindruck, hier ist der Hund (fast) begraben. Ein Bus oder Taxi ist nicht in Sicht, doch plötzlich denkst du, es kommt der Papst. Ein Pickup mit fast gläsernem Aufbau nähert sich, der Fahrer öffnet die Ladefläche und fordert uns auf, einzusteigen. Wir haben keine Wahl. „Papamobil“ kommt es mir spontan in den Sinn,
vom Gefühl her ein Zwischending zwischen weißem Leichenwagen und Tiertransporter, Haltegriffe Fehlanzeige, aber PVC-Belag.









Nikos (links) ist jedenfalls ganz stolz. Er und sein Kollege haben sich offensichtlich zwei dieser Dinger bauen lassen und kassieren von jedem Passagier zwei Euro für die Fahrt nach oben, sie stehen bei jeder Fährankunft in Riva parat. Natürlich wird von den Mitreisenden über die zwei Euro gemecket, aber Nikos meint, es wären schließlich sechs Kilometer, und immer bergauf. Na gut, dann mal los. Wir fahren durch Potamos, aha, er wählt den weiteren Weg, wohl um zu zeigen, wie weitläufig es hier ist.

Der Ort Manolas haut mich nicht vom Sockel, aber das ist wohl das Schicksal aller Tagestouristen, die wahre Schönheit bleibt erst einmal verborgen. Ein kurzer Gang durch das Dorf, alles ist wie vermutet. Das Hotel "Cavo Mare" ist eine Ruine mit leerem Pool davor, die Häuser haben nicht den Chic wie auf der gegenüberliegenden Insel, aber es gibt einen Geldautomaten und das Restaurant Panorama hat als einziges Restaurant geöffnet, es gibt leckere Moussaka und kühles Mythos Bier.


















Hier erkundigen wir uns auch nach möglichen Unterkünften, der Wirt drückt uns ein Reklameblatt in die Hand. Jimmy´s am Ende der Straße hat anscheinend geöffnet und ist die einzige Unterkunft vor Ort. Das schauen wir uns von außen an, wirklich prickelnd ist es nicht.






Der Weg führt uns noch ein Stück weiter zur Kirche Agios Charalambos, von wo wir einen herrlichen Ausblick über Manolas und die Caldera genießen.









Dann ist die Zeit auch schon um, wir hatten uns wieder mit Nikos verabredet, eigentlich hätten wir die paar Stufen ja auch hinunter nach Corfos machen können, aber die Schunkelei auf der „Thirassia“ von Corfos nach Riva wollten wir uns ersparen.









So fahren wir mit Nikos – diesmal den kurzen Weg direkt die Schotterpiste hinunter, es sind nur fünf Minuten - und warten geduldig in Riva, doch wer nicht kommt ist die „Thirassia“. Nach ca. einer Stunde werde ich etwas ungeduldig, aber plötzlich taucht die „Nissos Thirassia“ auf, die als Fähre vom Santoriner Hafen Athinios nach Riva hin und her pendelt. Jedoch habe ich die Rechnung ohne den Kapitän gemacht, der Zutritt auf die Fähre wird uns verwehrt, nur Einheimische dürfen sie betreten.






„Nix für Touristen“ wird uns deutlich signalisiert, „Touristes next Boot“. Offenbar zeigt sich die Besatzung solidarisch und will der kleinen  „Thirassia“ die Passagiere nicht vor der Nase wegschnappen. Unhöflichkeit, die ihren Sinn hat.

Nun gut, nach einer weiteren Viertelstunde kommt sie endlich angeschaukelt, und wir verlassen den Ort unserer Sehnsucht.









Haken dran und gut ist.











Für ´n Appel und ´n Ei



Das ist aber toll! So hatte er sich seinen Urlaub immer vorgestellt:
in netter Gemeinschaft, Gleichgesinnte, alles ganz locker.

Durch einen Tipp hatte er das Haus von Márkos entdeckt, etwas verdutzt haben die Leute auf der Insel schon geguckt, als er ankam und nach dem „weißen Haus am Hang“ fragte. Egal, irgendwie hatte er es gefunden, nun war er hier, war ein Teil der Clique, alles nette junge Leute, international, ganz locker eben.

Und auch der Preis war super: kein Geld, nicht einmal ein paar Drachmen. Márkos wollte nichts, nur dass jeder zum Frühstück vielleicht einen Apfel oder ein frisches Ei beisteuerte. Oder etwas Brot vielleicht.
Muss doch zu machen sein.

Dagegen waren die anderen Vermieter auf der Insel doch Halsabschneider,  „no hospitality“ wie Márkos ihnen immer wieder vorwarf. Er selbst war gut versorgt, brauchte das Geld der anderen nicht, spielte lieber den Gönner.

Und abends gingen dann alle gemeinsam in die Taverne, zum alten Dimitri, wie eine große Familie. Und mittendrin Márkos, der Kapitän. Echt super. Nur sein Magen machte ihm oft zu schaffen. Aber Dimitri kochte wirklich toll, als ehemaliger Schiffskoch kriegte er das schon wieder hin.

Nur gab es irgendwie am dritten Tag keine Eier mehr, der Nachbar brauchte sie selber, Äpfel waren auch knapp, Brot gab es nur im Kilometer entfernten Ort Panagia. Aber irgendwas musste man ja beisteuern.
Naja, dann vielleicht morgen wieder. Heute rettete er schon mal ein Stück Brot aus der Taverne vom Abendessen fürs gemeinsame Frühstück.

Langsam beschäftigte ihn das doch den ganzen Tag, er kam sich vor wie ein Drogensüchtiger, der nur an seinen Stoff dachte. Woher kriege ich heute noch einen Apfel oder ein Ei? Das Stück Ziegenkäse von gestern, das ihm die Alte in Panagia in die Hand drückte war super, damit konnte er vor den anderen richtig punkten.

Eigentlich könnte er ja auch sein Zimmer ganz normal bezahlen,
aaaber dann wäre Márkos natürlich stinksauer, und die anderen auch.

Und auch der ewig gemeinsame Gang in die Taverne, schlimmer als seine Familie, nichts konnte man ohne sie anstellen. Gerne hätte er mal die Insel allein erkundet, wäre zur Höhle gewandert oder an den Strand.

Heimlich schaute er nun doch auf die Fährpläne in der Melissa.
Morgen wollte er weg, es wurde höchste Zeit.







Bier ist keine Leberwurst



Der Nachteil des Reisens in der Vorsaison besteht darin, dass man als Tourist auf den Kykladen alles das vorgesetzt bekommt, was aus der letzten Hauptsaison noch übrig geblieben ist (das ist meine Erfahrung, keine wissenschaftlich belegte Tatsache).

Insbesondere nicht so leicht verderbliche Lebensmittel wie Bier und andere Getränke werden oft nach dem „last in – first out“ Prinzip verkauft, da der Lagerraum knapp ist - und wer will schon das Bier hinten aus der letzten Ecke holen?

Also habe ich mich daran gewöhnt, zuerst einmal auf das Ablaufdatum hinten auf der Bierflasche zu schielen, bevor ich den ersten Schluck zum Munde führe.

Inzwischen weiß ich, dass die Haltbarkeit von Amstel und Heineken bei etwa sechs Monaten liegt.

Aber wenn das Bier bei der Verladung gerne mal in der Sonne auf der Hafenmole geparkt wird, schmeckt es auch schnell seltsam süß und mehr als gegoren.

Daher wird jede abgelaufene Bierflasche rigoros von mir reklamiert,
und siehe da: plötzlich holt der Wirt ein ganz frisches Fläschchen hervor, woher auch immer.

Besonders übel fand ich den Trick auf Santorin: hier hatte der Wirt das Ablaufdatum mit Tipp-ex fein überpinselt.

Nach Abknibbeln der Farbreste kam das Verfallsdatum hervor: es war gut ein Jahr alt.

Ein kurzes Schulterzucken bei der Reklamation verbunden mit der Lieferung von frischer Ware – und schon war für den Wirt wieder alles in Ordnung (ich überlegte schon ob ich die Polizei holen sollte, dachte dann aber doch, dass ich wegen meiner Reklamation eher als Stänkerer angesehen wäre). 

So mache ich weiterhin gute Mine zum bösen Spiel, aber das Verfallsdatum lasse ich nicht aus den Augen.

 






Mit dem Fahrrad über die Kykladen



Ja, ist es hart. Und so soll es auch sein.
Urlaub machen kann ja schließlich jeder. Aber nicht mit uns.
Wir machen „Abenteuer“, nicht Urlaub.

Denn nur wer Strapazen auf sich nimmt hat die Chance, in der Reise-Community zu glänzen.

Also geht es mit dem Fahrrad dorthin, wo normalerweise kein Mensch Fahrrad fährt. Von Wanne-Eickel nach China, von Feuerland ins Ewige Eis. 

Und mit dem Fahrrad über die Kykladen, das will schon was heißen.
Jeder, der mal zu Fuß hier unterwegs war, weiß: es geht nur bergauf,
nie bergab. Deshalb fahren die Einheimischen auch selten Fahrrad.
Es gibt nämlich auch keine Radwege, höchstens immer der Straße nach. Besser mit  dem Moped. 

Also gut, ein paar Radler sind uns schon untergekommen, mit Rahmen im Rucksack, Räder in den extra Taschen.
Zusammengebaut und schon ging es los. 

Oder die Kleinfamilie mit Kinder-Trolley, ein Anhänger für den Nachwuchs und ab zum entlegenen Strand.

Da will man nicht außen vor stehen. Also, probieren müssen wir das auch. Aber nicht hier. Wie wäre es auf Spetes?

Wunderbar! Fahrrad für 5,- Euro den Tag, die Insel ist relativ flach, so gut wie keine Autos, Straße drumherum, gut an einem Tag zu schaffen. Und immer am Meer entlang.

Kleines Päuschen zum Baden eingelegt, und weiter geht´s.

Doch gar nicht so schlecht, so ein Abenteuerurlaub!

 






Kykladenträume



Er klappte das Buch sorgfältig zu, das er gerade ausgelesen hatte, schaute in die Ferne und öffnete es dann doch noch einmal, um die markierte Seite zu finden, die den für ihn wichtigsten Satz enthielt:

„Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist - was geschieht mit dem Rest?“

(Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon)

Die letzten Sonnenstrahlen streichelten sanft seine Haut, die untergehende Sonne blendete ihn und er dachte nach.

Was geschieht mit dem Rest, mit den vielen anderen Teilen seines Lebens, die er nicht hatte leben können?

Gab es ein zweites und drittes Leben irgendwann, oder gab es jemanden, der in der Zwischenzeit das lebte, was er nicht leben konnte, was aber trotzdem in ihm war?

Er hatte nur dieses eine Leben, gefüllt mit Stereotypien, geprägt durch die immer wieder gleichen Abläufe, dieselben Gesichter, die bekannten Wege, Dinge und Räume. Er hatte es und er hatte es sich bewusst ausgesucht. Ob er damit zufriedener war als mit einem anderen Leben konnte er nicht einmal sagen. Er hatte ja keinen Vergleich. 

Und doch kam immer wieder dieses Gefühl, dass es noch etwas anderes geben musste. Sicher, im Vergleich zu seinen Freunden ging es ihm gut.
Er war gesund, litt materiell keine Not, hatte einen interessanten Job, ein schönes Zuhause, Familie, Auto, Garten, kam viel herum.

Aber manchmal dachte er doch: „Was wäre, wenn ich mich damals anders entschieden hätte? Wenn ich den Job im Ausland angenommen hätte?“
Er sollte damals innerhalb von wenigen Tagen in Genua sein, Hals über Kopf seine Stadt verlassen,  Arbeit auf einem Kreuzfahrtschiff, für eine Saison erstmal, es roch nach Abenteuer. Er hatte abgesagt, so flexibel war er nicht, er baute sich gerade seine Existenz auf, die Freunde, Familie…

Er wusste, dass manche Entscheidungen im Leben weitreichender sind,
als sie am Anfang zu sein scheinen.

Aber davor hatte er keine Angst. Irgendwie ging es immer gut, sein Bauchgefühl hatte ihn noch nie betrogen.

Und er wusste auch, dass manche Dinge, die so verlockend klingen, auf die Dauer eher nerven und nicht auszuhalten sind.

Es ist der Wechsel, der das Leben interessant erscheinen lässt –
das war seine Erfahrung.

Vorsichtig suchte er aus dem Stapel der Bücher neben seinem Tisch den alten Kykladenführer heraus, das Buch mit den vielen Eselsohren, sein Lieblingsbuch, das ihn immer wieder in eine andere Welt versetzte.

Ja, was wäre wenn… Der Traum vom einfachen Leben, als Fischer oder Tavernenwirt auf einer kleinen Insel mitten in der Ägäis, bei immer blauem Himmel und Meer, zufriedenen Menschen und klaren Zielen.
Hoffnungslos romantisch, das wusste er.

Und bei jedem Kykladentrip hoffte er eine Idee zu finden, die es ihm ermöglichte, länger dort leben zu können.

Aber spätestens nach vier Wochen sehnte er sich wieder zurück nach grünen Wiesen, wirklich gutem Essen und seiner Muttersprache. 
Vielleicht ein steter Wechsel, das wäre es: zwei Monate hier, zwei Monate dort.  

Er holte tief Luft, atmete langsam wieder aus – und freute sich auf seine nächste Kykladenreise, lang war es nicht mehr bis dahin,
Zeus sei Dank.






Oh wie schön ist Kimolos



Noch waren wir auf Folégandros.

Es begann am Abend zu regnen, und alle drängten sich wie die Verrückten in die kleine Küche von Manolis, der die Melissa am zweiten Platz in der Chora führt.

Und wenn ich sage, es regnete, dann regnete es wirklich. Es goss wie aus Eimern, und das im Juni. Dem konnte man nur mit Flüssigkeiten von innen begegnen. 

Rasch wurden ein paar Tische hereingeholt, jeder musste seinen Stuhl selbst mitbringen. Backe an Backe saßen wir dann mit den Reisenden aus aller Herren Länder und kamen schnell ins Gespräch. So hatte der Regen auch etwas für sich, Kommunikation pur. 

Am nächsten Morgen war alles vorbei, wir reisten ab, nach Kimolos sollte es gehen. Der Regen hatte seine Spuren hinterlassen, einige Seen und Bäche waren immer noch vorhanden.

Auf Kimolos wurden wir im Hafen gleich abgefangen, ein Traktorfahrer wollte uns mitnehmen, hätte ganz neue Rooms.

Wir aber hatten uns schon auf Aliki festgelegt, sollte doch so schön sein. Schweren Herzens spielte der Traktorfahrer Taxi, brachte uns zu Rosa und Georgius an den Aliki-Beach, und berechnete hierfür eine stolze Summe.

Na ja, seine Konkurrenz wollte er halt nicht kostenlos bedienen.

Die Enttäuschung war nicht schlecht, als wir die herunter gekommenen Unterkünfte in Augenschein nahmen.

Wir waren ja schon einiges gewohnt, aber das…
Flachbauten, Hütte an Hütte, nicht besser als ein Garagenhof.

Die dazu gehörende Taverne machte nicht wirklich einen aufgeräumten Eindruck. Alte Matratzen, die zum Lüften aufgereiht waren, Plastikstühle an Tischen, die mit allerlei Motorenteilen bedeckt waren. Georgius führte wohl gerade eine Generalinspektion seines uralten VW-Busses durch und verteilte die Eingeweide überall.  

Der Taxifahrer war inzwischen über alle Berge, und zurückzukehren mit dem Gepäck war aussichtslos.

Also nichts wie rein in die erste beste gute Stube.

Das Bettzeug stammte wohl noch aus den fünfziger Jahren, WC mit Dusche hatte schon lange keinen Anstrich mehr gesehen. Die Wände hatten eine merkwürdige Struktur.

Ein Blick aus dem Fenster verhieß nichts Gutes: der gestrige Regen hatte auch hier einen riesigen See hinterlassen.

Also Licht aus und Schlafen.

Bis die ersten Mücken kamen. Und sie kamen rasch.
An Schlaf war nicht mehr zu denken.
Die alten Handtücher aus dem Bad wurden zu Schlagwerkzeugen umfunktioniert, und immer drauf auf die Mücken.

Leider brachte das nicht den gewünschten Erfolg. Entweder waren die Mücken zu schnell oder unsere Werkzeuge ungeeignet. Egal, wir versuchten es trotzdem weiter, die ganze Nacht hindurch.

Am nächsten Morgen lernten wir dann unsere Nachbarn kennen, junge Leute aus Athen, die uns mit ihren geschwollenen Augen nicht so ganz freundlich ansahen.

Wir hatten ja keine Ahnung, dass hinter der Wand, die wir permanent mit den Handtüchern bearbeiteten, noch Menschen schliefen.

Auch die merkwürdige Struktur an den Wänden entpuppte sich jetzt als reiner Mückenfriedhof. Das alles war schon Härte 10, wobei ich doch dachte, einiges ab zu können. 

Aber die Sonne kam schnell durch und die Welt sah wieder anders aus.

Zum Frühstück bekamen wir lieben Besuch: die Katze des Hauses hatte sich in eine Ente verliebt, und die beiden waren ein unzertrennliches Paar, das sich um die Tische vergnügte und uns bestens unterhielt.

Rasch kamen wir ins Gespräch mit zwei weiteren Touristen – Karin und Oliver aus Österreich, die das gleiche Schicksal mit uns teilten. Wir konnten nur noch gute Mine zum bösen Spiel machen, amüsierten uns über Katze und Ente, beobachteten Georgius bei seiner Tuning-Session.  Unsere Athener Nachbarn reisten ab und wir hatten so die ganze Anlage für uns. Rosa verpflegte uns gut.

Am frühen Nachmittag gesellten sich noch ein paar Holländer dazu, die es genossen, bei ihrem Alkoholkonsum außer von uns nicht beobachtet zu werden.  

So verstrichen die Tage, herrliche Wanderungen und einsame Strände entschädigten schnell für die doch karge Unterkunft. 

Die gemeinsamen Abende mit Karin und Oliver im Panorama-Restaurant machten viel Spaß, es gibt halt immer verrückte Gleichgesinnte. 

Der Mückenplage waren wir inzwischen mittels unseres eigenen Netzes Herr geworden und irgendwie gewöhnt man sich an alles.

So langsam überwog das Luxus-Gefühl, fast die einzigen Touristen auf der Insel zu sein. Leere Strände, eine handvoll liebe Touristen, die schnell zu Freunden wurden. Was will man mehr? 

Uns gefiel die Insel jetzt so gut, dass wir Jahre später zu Pfingsten noch einen Besuch starteten, der aber erfolglos blieb.

Denn jedes Jahr zum griechischen Pfingstfest kamen die „Doktores“ aus Athen, über zweihundert Akademiker, die hier einen Kongress abhielten. Alle verfügbaren Unterkünfte waren vorgebucht, und so gab es keine Chance für einen Schlafplatz.

Aber noch ist nicht aller Tage Abend, dieses Jahr im Juni werden wir es erneut versuchen, auf unserer „privaten“ Insel, die in der Vorsaison noch leer erscheint.







Papás



Vielleicht ist es keine gute Idee, so viele Namen zu nennen,
aber es muss einmal sein.

Er hatte schon als Kind diese griechischen dunklen Augen.

Als wir ihn kennen lernten, half er Abend für Abend in der Taverne seines Vaters Nikitas auf Donoussa aus, bediente die Gäste, brachte das Essen. 

Kostas und seine Geschwister Jorgos und Maria waren ein Team, für ihren Bruder Adonis war das nichts.

Ich werde nie vergessen, wie sich ein Makrelenschwarm eines Abends in den kleinen Hafen vor die Taverne verirrte, Maria ganz beherzt mit einem Käscher vom Anleger aus zugriff und eine Menge Fische herausholte.

An diesem Abend gab es wirklich frischen Fisch.

Etwas erstaunt waren wir Jahre später, als wir Kostas oben in der Chora von Amorgós wieder trafen,  offensichtlich hatte er im Kloster Chosowiótissa zu tun.

Noch mehr staunten wir, als wir ihn im darauf folgenden Jahr auf Donoussa wieder trafen, jetzt schon mit Bärtchen und dem klassischen Popen-Kittel. 

Seine Mutter Evangelía redete ihn nur noch mit Papás an, er wurde der Dorfpope auf seiner Heimatinsel.
Verheiratet war er auch mittlerweile, ein Kind war unterwegs, die kleine Katerina.

Man muss wissen, die Leute von Donoussa hatten mit ihren Dorfpopen bisher wenig Glück, diese hatten entweder schlecht erzogene Kinder in Obhut oder sie mochten die Insel nicht sonderlich.

Nun aber ist die Welt wieder in Ordnung, und der neue Papás wird von allen respektiert, auch wenn ihn viele noch als den kleinen Kostas kennen. Die Arbeit in der Taverne hat Jorgos übernommen.

Und wenn die Skopelitis anlegt und frisches Gemüse und Kartoffeln aus Naxos bringt, langt der Papás in seinem Arbeitskittel natürlich zu. Wie immer.






Ein "Boat Trip" auf Hydra



Auf unserem Weg zu den Kykladen machten wir vor einigen Jahren einen kurzen Abstecher nach Hydra, der Saronischen Insel vor den Toren Athens.

Nach einer kurzen Fahrt mit dem Schnellboot – damals noch von Zea Marina aus – erreichten wir Hydra gegen Mittag.

Von Naxos gewohnt, dass man uns Unterkünfte in Massen anbieten würde, war ich doch etwas erstaunt wie die Dame reagierte, die mit ihrem Clipboard am Pier stand, als ich sie ansprach ob sie Rooms hätte.

Das Clipboard enthielt wohl keinen Prospekt über Unterkünfte, sondern eher diverse Steuerunterlagen und Mahnbescheide.

Ab jetzt weiß ich, was griechische Ignoranz bedeutet, und wie ich mich fühle wenn ich unsichtbar werde.

Hydra ist wirklich autofrei, was aber nicht heißt, dass es hier besonders ruhig zugeht. Der Autolärm wird lediglich durch eine Menge von Taxibooten ersetzt, die permanent das Hafenbecken durchkreuzen und entlang der Insel schippern.

Lediglich der Transport ins Inselinnere wird von den Maultieren und einigen wenigen LKW geleistet.

Also weiter an der Schar der Mulis vorbei, die gerade für ihren schweren Gang hinauf ins Dorf mit allerlei Baumaterial beladen wurden hinein das Tourist-Office. Hier bekamen wir eine nette Adresse für ein Apartment mit Balkon direkt am Hafen in der ersten Reihe, mit Blick auf die gerade anlegenden Segler, die uns das Fernsehprogramm ersetzen sollten. Schon erstaunlich, wie öffentlich sich das Leben an Bord dieser Freizeitkapitäne abspielt. Es beginnt mit der Morgendusche, Zähneputzen, Haarewaschen bis zum Sundowner-Cocktail, alles vor unseren Augen quasi in der Öffentlichkeit - ignorieren unmöglich.

Wir genossen die Insel, flüchteten vor den Mengen der Tagesausflügler, die jeden Tag den Hafenort bevölkerte in ruhigere Gegenden (ja, die gibt es), und fanden am Abend ganz urige Tavernen, in denen tagsüber wohl der Bär tobt.

Am nächsten Morgen legte ein unbekanntes Schiff an, bestückt mit allerlei technischem Gerät, Generatoren, Lampen, Schienen, Kameras. Es handelte sich um eine Filmcrew, die hier auf Hydra den Hollywood-Spielfilm „Boat Trip“ drehen wollte. Die Darsteller – eine Schar US-Blondinen - wohnten im besten Hotel der Insel. 

Merkwürdigerweise frühstückten sie immer zur gleichen Zeit mit uns in den Cafés an der Hafenmeile. Interessant zu sehen, wie wenig die griechischen Männer das interessierte. Sie sprachen die Mädels zwar auch an, aber nicht heftiger als die anderen Touristinnen. 

Auf jeden Fall war aber trotzdem der ganze Ort in Aufregung.

Absperrungen für den Dreh machten die täglichen Wege umständlich,
die ganze Schar musste auf dem Pier auf- und abmarschieren, ein Schlauchboot mit hilferufenden Mädels musste vor dem Hafenbecken gerettet werden, uns so weiter. 

Das ganze sah so blöd aus, dass ich nie im Leben geglaubt hätte, dass daraus ein ordentlicher Film entstehen würde.

Und so war es dann auch. Er wurde ein Flop und in Deutschland schon nach einer Woche aus den Kinos genommen. Claudia Puig schrieb in der USA Today, dass der Film eine „unbedeutende Gräßlichkeit“ („trifling atrocity“) sei. Sein Humor sei „subtil wie eine Schlammlawine“.

Er wurde sogar für den Negativ-Award „Goldene Himbeere“ nominiert.

Nur schade, dass wir Roger Moore nicht gesehen haben, denn der sollte
auch mitspielen.

Na ja, dann konnten wir uns um so mehr auf die ruhigen Kykladen freuen.







Triologie Teil 1: Ein perfekter Morgen



Die ersten Sonnenstrahlen schieben sich durch die Ritzen der Fensterläden, die ich am Abend sorgfältig geschlossen habe.

Sie reichen, um mich aus dem Schlaf zu holen.
Der  helle Lichtstreifen auf der Wand in der sonst dunklen griechischen Bude ist enorm.

Ich stehe auf, weiß was mich erwartet, gehe zum Fenster und genieße den Schlag. Gleißendes Tageslicht, von der schneeweißen Häuserwand gegenüber reflektiert, blendet mich brutal.

Der Kodak-blaue Himmel darüber lässt mich hoffen, es ist wieder ein schöner Tag. Der Wind hat nachgelassen, das Frühstück auf der Terrasse mit Meerblick kann kommen.

Schnell unter die Dusche, die Kraft der Sonne hat bereits ausgereicht, um den Warmwasserspeicher zu erhitzen.

Ich gehe sparsam mit dem Wasser um, denn zum einen bin ich nicht der einzige, der Duschen will, zum anderen ist der Abfluss wieder mal verstopft, das schaumige Wasser will und will nicht abfließen. Fußwäsche ist garantiert.

Dann schnell in T-Shirt und Jeans, ab zum Bäcker.

Der kleine Gang durch den kykladischen Ort erweckt die Lebensgeister.
Die Geschäfte haben längst geöffnet, bei Manolis in der Taverne wird schon gefrühstückt, die Leute grüßen freundlich, obwohl ich sie gar nicht kenne. Je kleiner die Insel, desto mehr Kontakte ergeben sich.

„Kalimera, Psomí parakaló“. Auf den Minimalwortschatz antwortet der Bäcker erst gar nicht, weiß aber was gemeint ist und reicht mir eines seiner letzten frischen Brote.

Schnell wieder zurück, Kaffeewasser aufgesetzt, Butter, Milch, Marmelade und Käse aus dem Kühlschrank geholt.

In ein paar Minuten ist das Frühstück fertig.

Seitdem die Preise in den Tavernen gerade für das Frühstück deutlich gestiegen sind, mache ich es lieber selbst – und habe außerdem noch den Vorteil des perfekten Service. Der zweite Nescafe kommt zur rechten Zeit, weil ich ihn mir selbst bringe.

Tasse, Wasserkocher, Frühstücksbrettchen, Messer und Löffel gehören seither zur Standardausrüstung. Selbst die Orangenpresse fehlt nicht.

Das frische Brot vom Bäcker schmeckt köstlich, auch an den Nescafe kann man sich gewöhnen. Dazu etwas Käse, Obst, Tomate. Und mittlerweile gibt es in Griechenland auch wirklich gute Marmelade. Nicht nur diese kleinen Fertigpackungen, die immer nach Zucker schmeckten. Selbst das Kätzchen, das uns zum Frühstück besuchen kommt, freut sich über seine allmorgendliche Käseecke.

So genießen wir den Morgen, schauen aufs Meer, beobachten die Aktivitäten rundherum. Der fahrende Händler mit dem voll bepackten Lieferwagen zieht seine Runde,  spätestens jetzt hätten uns seine Lautsprecherdurchsagen geweckt.

Der Nachbar hantiert mit Zement und Kelle, ein Loch in der Einfahrt wird repariert. Auf dem Dorfplatz ist der Bus angekommen, offensichtlich war die Fähre schon da. Neue Touristen mit Gepäck schleppen sich die Dorfstraße hoch, wenn sie nicht schon vorher von den Vermietern abgefangen werden. Aber alles verläuft sich schnell, manche Gesichter wird man abends wieder sehen.

Die Zeit verfliegt, zerrinnt zwischen den Fingern wie das Salz im Meer.

Schon ist es fast Mittag. Schnell den Abwasch gemacht und los geht´s.

So fängt der Tag gut an, den Tagesrucksack gepackt, Wasser und Kekse nicht vergessen, Mütze auf und hinaus in die Landschaft. 







Triologie Teil 2: Ein perfekter Tag



Der Schlüssel vom Room wird in der Hosentasche verstaut und der Tagesrucksack geschultert, gefüllt mit dem obligatorischen Neró Loutraki, den Papadopoulos Keksen und etwas Obst.  Heute – nach dem Frühstück auf der Terrasse – wird gewandert. Die alten Eselspfade haben es mir angetan. Schon kurz hinter dem Dorf ist der Einstieg, weg von der Hauptstraße auf alten mit groben Steinen gepflasterten Wegen. 

Wirkliche Wanderschuhe brauche ich nicht, die Bootsschuhe mit der Profilsohle reichen mir aus und sind nicht so warm. Und ich spüre jeden Stein.

Ein Stück parallel der Hauptstraße, doch dann kommt eine Biegung und man ist mitten drin. Natur pur, ein Blick in unendliche Weiten (den ich zuhause so sehr vermisse) weit über das Meer. Dahinten müsste Sikinos sein. Schnell die kleine Übersichtskarte aus dem Portemonnaie gefischt und nach Norden gedreht: ja, hier Sikinos, dahinter Ios im Dunst, links Kimolos – oder ist es schon Sifnos? Nein, Kimolos mit Milos. Kleine Kykladenwelt. 

Die Grillen zirpen um die Wette, sobald man näher kommt, verstummen sie, inszenieren eine mitwandernde Pause. 

Thymian und Salbei am Wegesrand soviel man will. Wir pflücken uns ein Sträußchen und halten es uns gegenseitig unter die Nase. Guck mal, wie das riecht!

Vorbei an etlichen Feldern, die auch heute noch mühsam bewirtschaftet werden, geht es immer weiter hinunter in das terrassierte Gelände. Der Verlauf des Weges ist nur kurz, nur momentan zu erkennen. Von Zukunft keine Spur. Ganz im Hier und Jetzt.

Irgendwie geht der Weg immer weiter, wie im richtigen Leben.

Wie aus dem Nichts taucht hier und da ein Kirchlein auf, ein architektonisches Ausrufezeichen in wilder Landschaft. Wer hat es gebaut? Wem ist es geweiht und wieso steht es hier? Fragen über Fragen, der gute Reisführer hat meist eine Antwort parat.

Die Sonne brennt, die Mittagszeit kommt. Jeder vernünftige Grieche geht jetzt nicht mehr vor die Tür. Nur die Touristen wackeln durch die Landschaft, wo es doch mittlerweile so schöne Straßen gibt. 

Wir suchen uns ein schattiges Plätzchen, möglichst unter einem Baum mit Meerblick und genießen unsere karges Mahl, sinnieren über die Reise, die weiteren Ziele und – ganz wichtig – wo und was und mit wem wir heute zu Abend essen werden.

So verrinnen die Stunden in der Mittagsglut.

Los geht es, nur nicht einrosten. Weit ist der Weg nicht mehr, wir landen unten am Meer, finden eine recht einsame Bucht und stürzen uns in die kühlen Fluten. Lange bleiben wir nicht allein, denn auch im Juni ist die Insel schon von Touristen bevölkert. Aber ein schattiges Plätzchen gibt es für jeden. Und wenn nicht, packen wir unser (neues) eignes Sonnensegel aus.

Der einzige Wermutstropfen ist dann allerdings nur noch der Gedanke an den Rückweg, der gemeistert werden will.

Aber keine Müdigkeit vorschützen und den Anstieg beginnen.
Das Steigen auf diesen alten Wegen und in dieser Landschaft ist immer ein Genuss. Der Kreislauf kommt in Schwung, das beste Fitness-Training der Welt. Das Auge immer nach unten gerichtet, Vorsicht, dass man sich nicht den Fuß verstaucht.

Ab und zu ein kleines Päuschen, den Blick kreisen lassen, kurz verschnaufen und weiter geht´s. 

So kommt man gut durchgeschwitzt aber glücklich wieder ins Dorf, setzt sich zu Nikitas in die Taverne und bestellt sich ein kühles Abendbier. 

Eines reicht, denn der Abend wird noch lang. Jetzt aber schnell unter die Dusche.







Triologie Teil 3: Ein perfekter Abend



Frisch geduscht und gestriegelt geht es auf die Piste.
Obwohl ich mich immer wieder fragen muss, für wen ich mich eigentlich hier an der frischen Luft deodoriere. Vielleicht um  die Fliegen abzuwehren?  Egal. 

Die Inseln, die wir besuchen sind so klein, dass uns die Auswahl der richtigen Taverne leicht fällt. Von den drei Lokalen vor Ort geht es halt immer reihum. Tisch ausgesucht, Stühle zurechtgerückt (könnte ja noch wer kommen), einen als Armlehne dazugestellt, Pullover als Besitzmarkierung über die Lehne geworfen und ab in die Küche. 

Die alten Alutöpfe stehen auf dem Herd, längst erkaltet, verheißen nichts gutes, aber wir riskieren einen Blick. Jorgos lüftet das Geheimis, das seine Mutter im Laufe des Tages erkocht hat. Keftédes sehen nicht schlecht aus. Und Pastítsio. Und der dritte? Briam, leer, schon alles weg.
Mutter sitzt am Tisch und schnippelt den Salat, immer ein freundliches Lächeln auf dem Gesicht.

Also, alles klar: mía Choriátiki, éna Tsatsíki, Keftédes me Patátes, Pastítsio. Und Psomí, ja klar.
Zurück an den Tisch, Bíra gleich aus der Küche mitgebracht. 

Und dann kommen sie doch. Die Kykladenwelt ist klein, zur gleichen Jahreszeit sieht man immer wieder die gleichen Gesichter, Gleichgesinnte, die immer wieder dieselben Inseln besuchen. Schnell ist ein Tisch angebaut, ein paar Stühle herbeigeschafft und die Paréa ist komplett. Ein paar neue Gesichter, nette Kontakte, viele Bekannte, man spricht deutsch – aber auch englisch, jemand kommt aus Dublin, auch aus Paris oder Stockholm. International. Später setzt sich der eine oder andere Grieche dazu.

Der Abend ist mild, seidenweich, die Gespräche kreisen wie immer um die Inseln, die alten Fähren, Tavernen, Begegnungen.

Früher war alles besser, weißt du noch, die Paros Express? War das nicht die Fähre mit den tollen alten Holzplanken?
Oder auf Iraklia, wo der Kapitän die Hafeneinfahrt rammte? Man nannte ihn nur noch „Captain on the Rocks“.

Halt, stopp, wer jetzt nochmal „früher“ sagt, zahlt 5 Euro in die Kasse! Wir leben doch im Hier und Jetzt! 

Spätestens jetzt lässt jemand seine leere Karelia-Schachtel herumgehen (Bierdeckel gibt es ja nicht), und den Kuli.
Multiple Choice: jeder der will macht eine Strich auf die Packung,
entweder bei O, M, oder B.

Klar oder? Ouzo, Metaxa oder Bira. Dann geht die Bestellung ab zu Jorgos in die Küche. Der ahnt langsam, was auf ihn zukommt. Macht aber gute Mine zu bösem Spiel.

Der Abend wird lang, und er wird bis zum bitteren Ende ausharren müssen. So wie sein Vater früher.

Die Kinder toben um die Tische, mitten in der Nacht, als würde es ein Morgen nicht geben, die Blue Star Naxos legt zwischendurch an, ein willkommenes Schauspiel mitten in der Nacht, ein Monstrum auf dieser kleinen Insel wie aus einer anderen Welt. Trubel zwischendurch, dann ist wieder Ruhe eingekehrt.

Bier und Wein fließen reichlich, reihum wird der alte Schlüssel für die Toilette weitergereicht, der in der Küche am Haken hängt. Das Klo ist um die Ecke. Irgendwo muss man sich ja entsorgen. Ein kleines Päuschen am stillen Ort lässt mich zur Besinnung kommen. Ja, genau das ist es, das ist ein Abend, so wie er mir gefällt. Nette Menschen, Essen, Trinken, Wärme, Meer. 

Es ist einfach gut so, für einen Moment bleibt die Zeit stehen, so könnte es immer weiter gehen. 

Doch irgendwann ist der Pegel erreicht,  wir verabschieden uns, die anderen machen noch lange weiter (es soll schon hell geworden sein - erfahren wir am nächsten Tag). Aber wir wollen morgen wandern, nicht den Tag vertrödeln. 

Sorgfältig schließe ich die Fensterläden unseres Rooms und falle in einen tiefen Schlaf, in eine perfekte Nacht. Razzz, razzz, razzz.

 





Mein Auto - auf Naxos



Es ist schon ein Ritual. Sobald wir auf Naxos ankommen, benötigen
wir ein Auto, denn wir wohnen gerne weit draußen, dort wo der Bus
selten verkehrt.

So hat es schon ein paar Jahre gedauert, bis ich den Autovermieter
meines Vertrauens gefunden habe. Viele habe ich ausprobiert, mit deutscher Gründlichkeit.

Alle waren gut, aber viel zu teuer. Und immer hatte ich das Gefühl, über den Tisch gezogen zu werden. Spätestens nachdem ich den Wagen abgegeben hatte, wurde die Police zerrissen und das Geld schwarz in die Tasche gesteckt, das vermutete ich jedenfalls. Ich möchte nicht wissen, was passiert wäre, wenn es tatsächlich mal zu einem Unfall gekommen wäre.

Beim ersten Vermieter hatte ich noch eine schlaflose Nacht, weil ich vergessen hatte, die Zusatzpolice ohne Selbstbeteiligung abzuschließen.

Das habe ich dann am nächsten Morgen rasch nachgeholt, eine Menge nachgezahlt und einen kleinen Haken auf dem Wisch bekommen. Mehr nicht, keine Quittung, nicht wirklich beruhigend. Den Haken hätte ich mir auch selbst setzen können.

Passiert ist unfalltechnisch trotzdem nichts, wir parken immer abseits, verlassen (fast) nie die befestigten Straßen, lassen keine Sachen im Auto und hauen auch keine Dellen rein.

Auf die Dauer wurde mir das alles zu teuer und ich begab mich auf die Suche nach einer preiswerteren Alternative, fragte nach dem kleinsten, ältesten fahrbaren Untersatz.

Ich fand ihn in einer Motorradwerkstatt.

Der Techniker bot mir ein Auto an, 20,- Eur den Tag, ohne Zusatzversicherung. Das war es, was ich suchte.

Er holte die Kiste von irgendeinem Parkplatz, ich konnte es kaum glauben. Ein grüner Frosch, wir tauften ihn „El Gurko“ – ich weiß, das ist nicht wirklich griechisch. Etliche Dellen, die Blinklichter ramponiert, hier und da blätterte der Rost. Der Aschenbecher war randvoll, der Tank leer, der Sprit reichte so gerade bis zur nächsten Tankstelle.

Frag mich nicht, was für ein Auto das war, ein Hyundai oder Kia oder Fujitsu oder Nokia. Auf jeden Fall war es grün.

Ich füllte das Formular aus, Führerscheinnummer und so weiter. Pass brauchte ich nicht abzugeben, Kreditkarte auch nicht, zahlte in bar Vorkasse.

Ich lief um den Wagen herum, stieß kurz und heftig mit dem Fuß gegen jeden Reifen (das bringt Glück, mache ich immer so) und wir fuhren los.

Wir merkten schnell: der Vorteil des Autos war, dass es nicht nach Mietauto aussah, kein Werbeaufkleber vom Vermieter, sondern nur Dellen.

So wurde uns auch in den engsten Gassen auf dem Weg nach Pirgaki die Vorfahrt gewährt, wo die griechischen Jungens so forsch fahren wie ein Frosch hüpft. 

Technische Probleme gab es keine.

Am zweiten Tag dachten wir allerdings, wir hätten eine Radkappe verloren und gingen tatsächlich in Naxos auf die Suche nach Ersatz. Denn den Wagen noch ramponierter wieder abzugeben als er schon war traute ich mich nicht. 

Langer Rede kurzer Sinn: eine Radkappe gab es auf ganz Naxos nicht, auf jeden Fall nicht für unseren Exoten.

Am dritten Tag waren wir aber der Überzeugung, dass die Radkappe schon von Anfang an gefehlt haben musste.

So hatte der Vermieter Nikos bei der Abgabe auch keine Bedenken, war stolz, als ich ihm sagte, dass es „Best Car in Town“ wäre. Das Auto sah er sich nicht mal von hinten an.

Seitdem führe ich den Wagen am Ende gar nicht mehr vor, stelle ihn auf den großen Parkplatz und gebe die Schlüssel ab. Er wird ihn dann sowieso erstmal leertanken.

So gehe ich seit Jahren immer wieder zu ihm – oder besser gesagt mittlerweile zu seiner Frau, denn es gibt jetzt ein richtiges Büro.

Die Autos werden von Jahr zu Jahr doch immer neuer, manchmal sogar blank geputzt, von außen gewaschen und innen das Armaturenbrett mit glänzendem Kokosöl eingeschmiert.

Aber ein Markenzeichen haben sie: der Tank ist leer und die Aschenbecher sind immer randvoll.

Das Kokosöl übertüncht den Geruch.
Gegen die Reifen hauen und nix wie weg zur Tanke.







Wie ein Reiseführer entsteht



Wir sitzen ahnungslos auf der Terrasse bei Anna auf Iraklia und genießen unser Frühstück in der Morgensonne. 

Der letzte Abend war etwas anstrengend, echt griechisch eben, Anna hatte gekocht und uns mit frischem Lammbraten überrascht. Die Kumpane vom Vorabend sind noch nicht aufgestanden, also ist es noch ruhig.

Plötzlich bekommen wir Besuch, ein junger Mann nähert sich und hätte da mal ein paar Fragen.

Wie es uns denn hier auf den Erimonisia gefiele und ob man hier gut essen könne.

„Also, Erimonisia, über diesen Ausdruck lachen die Einheimischen der kleinen Kykladeninseln doch eher, und gestern gab es leckeres Lamm bei Anna“  (das hat es bei ihr sonst noch nie gegeben).

Ein paar weitere konziliante Freundlichkeiten wechselten hin und her, der junge Mann machte sich eifrig Notizen.

Überrascht war ich dann schon, als ich im Reiseführer über Amorgos und die kleinen Ostkykladen die Worte wiederfand:

"Erimonisia: über diesen Ausdruck lachen doch die Einheimischen nur, und im Restaurant bei Anna gibt es besonders Lamm."







Ein gutes neues Jahr...





Er schob den Ärmel seines dicken Wollpullovers ein wenig hoch und schaute auf die Armbanduhr. Viertel vor fünf.

Seine Uhr, eine alte mechanische, die er von seinem Vater geerbt  hatte war das Einzige, das ihn noch von den Griechen unterschied. Die trugen entweder gar keine oder einen Blender, der nie die richtige Zeit anzeigte.

Es war noch dunkel, er musste los.

Die Tür fiel hinter ihm leise ins Schloss, die klare kalte Luft schlug ihm entgegen, er atmete tief durch und langte instinktiv in seine linke Jackentasche, suchte nach der Packung Zigaretten, fingerte eine heraus und steckte sie in den Mund.

Dann merkte er, dass er sein Feuerzeug in der Küche hat liegen lassen.

Macht nichts, er kehrte nicht um. Auf dem Boot hatte er bestimmt noch ein anderes.

Den kurzen Weg auf dieser kleinen Kykladeninsel zum Hafen und zum Anleger ging er immer wieder gern, irgendwie erinnerte ihn das an seinen Schulweg in der Kindheit, er kannte sich gut aus, damals wie heute, kannte jedes Haus und die Menschen, die darin wohnten. Bei Iannis brannte schon Licht, „der wird sein Boot auch gleich klarmachen“, dachte er.

Er löste die Vorleine vom Poller und zog damit sein Kaiki zu sich heran. Mit einem Schritt war er auf dem Boot, das sanft seinem Gewicht nachgab und auf und ab wippte. Die See war sonst ruhig. Er warf das Seil auf die Planken und startete den Diesel, holte das Feuerzeug aus der Werkzeugkiste und steckte sich die Zigarette an.

Als der Einzylinder rund lief tuckerte er los, die Ruderpinne fest in der Hand.
Heute würde er etwas fangen, er hatte ein gutes Gefühl.

Nord-Nordwest, das war seine Richtung, er schaute noch einmal zurück. Die Silhouette des Hafens erkannte er auch im Dunkeln, die fünf neuen Straßenlaternen am Kai, daneben – etwas höher - die Beleuchtung der Kirche, und ganz rechts das Außenlicht von Nicolas Taverne, wenn er mal wieder vergessen hatte es auszumachen und sein Schild "Rooms ToLet" in der Dunkelheit leuchtete, bei dem er immer dachte, es fehlt nur noch ein "i".

Es dauerte eine Weile, aber jetzt war er da.
In der Ferne leuchteten die Lichter von Naxos herüber, auf der anderen Seite blinzelten die Häuser von Amorgós ihm zu.

Langsam ließ er das Netz in das schwarze Wasser gleiten, Stück für Stück.
Er schaltete den Motor nicht ab. Die Gefahr, dass er nicht mehr anspringen könnte war ihm zu groß.

Sobald er mit dem Netz fertig war, blickte er auf und sah den dünnen Silberstreif am Horizont. Wie ein leuchtendes Band zog sich der Himmel auf, tauchte das Meer und die kleinen Wellen in ein sanftes, jetzt goldfarbenes Licht, verschmolz am Horizont zu einem Farbenspiel wie er es noch nie gesehen hatte.

Es kam ihm vor, als stiege der Himmel aus der dunklen See empor, die ganze Ägäis jetzt ein Meer voller Licht, Sonne, Farben und Wolken, ein neuer Tag, ein neues Jahr – gewachsen aus dem Lichterglanz am Horizont.

Ein warmes Gefühl des Glücks durchströmte ihn, und er hatte dieses seltene Gefühl, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein, allein mit sich, dem Boot und dem Meer.

Er öffnete die Klappe und griff unter Deck in die Eiskiste, die ihm Jannis für heute gegeben hatte. Daraus fingerte er eine kleine Flasche Champagner hervor, es war ein Piccolo, ein Überbleibsel des Besuches einer guten Freundin aus der Heimatstadt, vom vergangenen September. Für den Schampus hatte sich halt keine Gelegenheit ergeben, na ja.

Er fingerte an dem Verschluss herum, entfernte die Alufolie und wunderte sich, dass diese kleine Flasche sogar einen echten Korken hatte.
Sorgfältig drehte er den Draht auf und zog den Korken langsam mit einem Zisch heraus. Eine Wolke aus Champagnerduft und Perlenschaum strömte
ihm entgegen, den winzigen Korken würde er aufheben, er steckte ihn in seine Hosentasche.

Dann schaute er wieder zum Horizont, zündete sich eine Zigarette an und leerte die kleine Flasche in einem Zug.

„Nicht schlecht!“ murmelte er, dachte einen Augenblick an seine Heimat, von der er sich schon vor Jahren getrennt hatte, und ließ erst gar nicht den Gedanken zu „was wäre wenn“.

So wünschte er sich und dem Meer ein gutes neues Jahr. Die Sterne über ihm funkelten trotz der Morgendämmerung an diesem Neujahrsmorgen noch ein wenig intensiver als sonst.

Er packte seine Wünsche in die leere Flasche – viele waren es nicht -  und warf sie als Flaschenpost in weitem Bogen hinaus ins glitzernde Meer.






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Teil I