Meine Lieblingsinseln sind die Kykladen, zu Stein gewordene Träume weit draußen in der Ägäis, wo Äolos und Poseidon die Geschicke der Menschen lenken, das Meer noch blau, der Tag hell und der Geist klar ist.
Hier liegt die Wiege unserer Kultur. Wer einmal dort war, den hat das Kykladenfieber gepackt, den lassen die Inseln nicht mehr los...
Kykladen - ein Plädoyer
Es ist, als ob du deinem Winterpelz ablegst.
Sobald der Flieger in Athen landet, fühlst du dich wie in einer anderen Welt, frei und leicht.
Die Gedanken kreisen um die Kykladen - Sonne, Wasser, die Menschen dort. Du spürst die Wärme, die dich umgibt und du vergisst alles von daheim, den Job, weißt nicht mehr, was gestern war und freust dich auf morgen.
Schalte dein Telefon gar nicht erst ein. Endlich bist du unerreichbar, für eine Weile, 2-3 Wochen, vielleicht auch 4.
Wenn die alten langsamen Fähren den Hafen von Piräus verlassen und Athen in der Dunstglocke zurückbleibt, beginnt die Annäherung an die Kykladen, weit draußen in der Ägäis.
Minute um Minute wird die Farbe des Wassers unter dir immer blauer, erreicht einen satten dunkelblauen Ton. Die erste scheppernde Ansage auf griechisch aus den Schifflautsprechern sagt dir unmissverständlich: du verstehst zwar kein Wort, aber du bist auf dem richtigen Weg.
Deine Haut ist noch blass, vom Winter nicht verwöhnt, und du krempelst schon mal die Ärmel auf.
Aber den Hut nicht vergessen, die Sonne sticht.
Du gewöhnst dich an die Langsamkeit. 5 bis 6 Stunden Muße. Wie soll das gehen?
Du beobachtest dein Umfeld, machst ein paar Fotos. Das digitale Spielzeug lenkt dich ab.
Aber du merkst: die Reise ist interessanter, die Ausblicke, die Geräusche. Und wie das hier riecht! Das Meer, das Schiff. Unsere Erinnerung kennt viele Bilder, die sie hervorholen kann, aber selten Gerüche.
Du näherst dich den Inseln, karg und unwirtlich erscheinen sie von See aus. Hier soll das Paradies sein? Kein Baum, kein Strauch. Nur kleine weiße Häuser, die sich in der Sonne langweilen.
Du kommst im Hafenort an. Dein Herz beginnt zu klopfen. Du hast kein Zimmer gebucht, kennst keinen Menschen hier. Du schwörst dir: das nächste mal wieder Pauschal.
Aber nach fünf Minuten sieht die Welt anders aus: „Domátio, Rooms“ schallt es dir ins Ohr.
Natürlich weißt du schon, welche Bleibe dich interessiert, die ausführlichen Reiseführer machen es dir leicht. Auch hast du schon etliche Infos aus dem Internet gespeichert.
Du lässt dich auf das Abenteuer ein und landest z.B. bei Maria. Saubere Zimmer, Blick aufs Meer, und der Preis ist auch O.K., 30 Euro fürs Doppel, das geht.
Und Maria ist nett. Aus ihrem Garten bringt sie Zucchini, Kartoffeln (die dicken aus Naxos!) und Eier. Jeweils 5 Stück. Wer soll das essen?
Sie lädt zu einem Kaffee, erzählt von der Familie, wobei du mal wieder ein schlechtes Gewissen bekommst. Wegen deiner fehlenden Griechisch-Kenntnisse. Den letzten Winter über wieder nichts dazugelernt! Drei Brocken Griechisch, der Rest in Englisch, so geht´s.
Und du bist überwältigt von ihrer Freundlichkeit. Die hat nichts Berechnendes, nichts Falsches, die meisten Griechen haben bewahrt was wir als Kinder hatten.
Wenn du deinen Tagesrhythmus gefunden hast – Sigá, Sigá, - das ärmliche griechische Frühstück individuell aufgepeppt mit Joghurt oder Käse, deine Haut sich etwas an die Sonne gewöhnt hat und das Meer schon gar nicht mehr so salzig schmeckt wie vor ein paar Tagen, geht’s raus in die Berge.
Du findest den alten Eselsweg, der grob gepflastert hinauf führt und sich in der Landschaft verliert. Bald bist du allein, hörst nur noch den Wind und die Glocken der Ziegen. Himmel und Meer verschmelzen zu einem Panorama in der Ferne.
Dein Körpergefühl kommt langsam zurück, es macht Spaß sich zu bewegen, den Kreislauf auf Trapp zu bringen, die klare Luft zu atmen. Immer im Blick die blaue Ägäis. Die nächste weiße Kapelle am Horizont ist dein Ziel. Ein Mann auf seinem Esel kommt dir entgegen, grüsst, als wäre er ein alter Bekannter und winkt mit seinem Stock. „Jássas… Chérete…Sésti, polí sésti…Banjo, banjo…“
Und diese Kargheit. Sie macht den Kopf klar. Kein störendes Grün, kein Baum. Nur diese verschwenderische Fülle von Kräutern, Thymian soweit das Auge reicht, mit diesem Duft!
Ein Blick durch das verstaubte Fenster der Kapelle erregt die Fantasie: von wertvollen Ikonen, goldenen Kerzenleuchtern, Pomp und Prunk.
Die Tür ist offen, die Realität nüchterner: scheinbar billiges Messing, abgebrannte Kerzenstummel auf Untersetzern, in der Ecke der Putzeimer. Morbider Charme.
Die Sonne brennt. Du suchst dir ein schattiges Plätzchen, möglichst am Meer.
Das Bad erfrischt, so türkis kann Wasser sein! Du spürst den unbezahlbaren Luxus deines „private Pool“, mit nichts zu vergleichen.
Zum Abend suchst du dir eine Taverne aus. Bleib in der, wo es dir gefällt, setz dich ein wenig.
Du weißt, dazu brauchst du drei von diesen kykladischen Stühlen, wackelig und mit Sitzfläche aus Bast. Einen zum Sitzen, einen für das rechte Bein, einen für den linken Arm. Dann sind sie bequem.
Die Qualität des Essens unterscheidet sich von Lokal zu Lokal oft nicht sehr.
Ein Bauernsalat mit Feta-Käse ist schon die halbe Miete. Danach etwas vom Grill, vielleicht einen Fisch (der ist immer noch teuer in Griechenland, warum eigentlich?).
Und wundere dich nicht, wenn dich keiner bedienen kommt. Man will ja seinen Gast nicht stören. Vielleicht will er ja nur verweilen und seine Ruhe haben.
Mach dich bemerkbar, am besten mit einem kräftigen „Parakaló!“. Dann beginnt das Rad der Nacht sich zu drehen – und der Krassí in deinem Kopf.
Nach ein paar Tagen hast du dich eingelebt, bist ein anderer Mensch. Aber schon geht es weiter. Sachen gepackt, Schiffs-Ticket im Sack. Die Neugierde ist zu groß.
Neue Insel neues Glück. Welche Insel ist die Beste?
Glaub mir, die Reisepläne von daheim werden zu Makulatur. Es zählt nur das Hier und Jetzt.
Fahr, wohin der Meltemi dich trägt. Jede Insel hat ihre Reize.
Amorgos, Felsenkloster, freundliche Mönche und wilde Natur. Anafi, authentische Chora und weite Strände, noch ursprünglich. Andros, die Insel der Reeder mit Bátsi als Badeort. Antiparos, ruhiger als der Nachbar Paros, aber immer noch viel zu viel los. Donoussa, ein Ort der Bedürfnislosigkeit, nix für Anspruchsvolle. Epano Koufonissi, das blaue Badeparadies, fest in skandinavischer Hand. Folegandros, Griechenland wie aus dem Bilderbuch, klein und fein. Ios, Partyinsel mit Geschichte. Iraklia, mit sehenswerter Tropfsteinhöhle, gut für Wanderungen. Kea, die Insel der Athener. Kimolos, Oase der Ruhe mit einsamen Stränden. Kithnos, Zwischenstopp vieler Segler. Milos, abwechslungsreich mit seinen heißen Quellen. Mykonos, ohne Moos nix los, mit Moos jede Menge. Naxos, mit weiten Stränden, den „lässigen“ Naxioten. Paros, weißer Marmor, Schmetterlinge und Touristes. Santorin, Postkarten-Ausblicke ohne Ende. Schinoussa, sanft und klein, oft unterschätzt. Serifos, ursprüngliche Chora und Seglermeile am Hafen. Sifnos, Heimat der Töpfer und Wallfahrtskirche auf dem Felsvorsprung. Sikinos, hier hast du Zeit ohne Ende, Ruhe pur. Syros, fast schon eine richtige Hauptstadt. Thirassia, die Nachbarin von Santorin, Drehort von "Kleine Verbrechen". Tinos, die Heilige mit den scheinheiligen Opferkerzen, den Taubentürmen.
Das Abenteuer ruft. Sei nicht auf der Flucht. Wer vor sich selber flieht, wird sich auch hier nicht finden.
Nur wer mit sich im Reinen ist, kann die Inseln genießen. Denn wo – bei den Göttern - bist du besser aufgehoben als hier?
Finde zu dir selbst – auf den Kykladen.
Kaló Taxídi, du wirst wiederkommen.
Festmahl auf Iraklia
Wir saßen mal wieder unter dem großen Baum bei Dimitri im O Pevkos, als plötzlich ein Bauer mit seinem Pickup vorfuhr.
Aus dem Kartoffelsack, den er von der Ladefläche hievte, schauten merkwürdige Beine hervor. Sie stammten von einer toten Ziege, die Küche wurde beliefert.
Begeistert war Dimitri nicht, das Tier war eher schmächtig, nur Haut und Knochen, eben wie ein Model vom Laufsteg. Na ja, saftig sind die Wiesen auf Iraklia im Juni ja auch nicht mehr. Aber was soll´s, Fleisch musste her.
Für den alten Schiffskoch Dimitri und für uns, die wir tagtäglich seine einfache aber schmackhafte Küche genießen durften, wartete eine kulinarische Abwechselung.
Das hatten auch die Athener mitbekommen, deren Yacht unten im Hafen lag und die sich gleich für den Abend einen Tisch reserviert hatten.
Natürlich waren wir abends wieder die ersten Gäste im Restaurant unter dem Baum. Das störte uns nicht, denn erstens waren so die besten Speisen noch vorrätig und zweitens hatten wir Gesellschaft genug.
Dass allerdings die Ziege so mager war, hätten wir nicht gedacht. Unsere Koteletts bestanden wirklich fast nur aus Knochen, waren aber sehr schmackhaft zubereitet, mit viel Thymian und Rosmarin. Die Sättigungsbeilage in Form von handgeschnitzten Pommes musste es bringen.
Dann kam das Taxi. Die Yachtbesatzung hatte sich doch tatsächlich die 300 Meter vom Hafen mit dem Auto herbringen lassen. Dafür musste der Hafenmeister aus der Melissa den Taxifahrer spielen, denn reguläre Taxis gibt es auf Iraklia natürlich nicht.
Und Dimitri stand stramm, schwupp stand das Essen auf dem Tisch: herrlich zartes Ziegenfleisch, fein filetiert, zart auf der Holzkohle gegrillt.
Der bekannte Duft von Rosmarin und Thymian schwebte wieder an unseren Nasen vorbei. Da hatten selbst die Athener nichts zu meckern.
Wir staunten nicht schlecht, und unsere bösen Blicke quittierte Dimitri nur mit einem Achselzucken, zeigte uns seine leeren Hände, als wollte er sagen: „was soll ich denn machen?“
Na, vielleicht uns auch mal gut bedienen, die wir tagtäglich seine Kasse füllten?
Am nächsten Mittag waren die Athener wieder weg, hoffentlich nach Mykonos. Und uns blieb weiterhin das leckere Briam.
Die Jagd nach dem Titelbild auf Milos
Der Winter ist lang. Das wissen die Verlage und bringen gerade im Dezember diese wunderbaren Reise-Journale heraus, die uns von den Kykladen träumen lassen.
Bei mir erst recht, wenn auf dem Titelbild ein Motiv abgebildet ist, das so in meinem privaten Fotoarchiv noch nicht vorhanden ist.
Also steht der Entschluss fest: Da müssen wir hin, das Motiv ist klasse, auch wenn es sich um Milos handelt, nicht gerade meine Lieblingsinsel. Egal.
Im Frühjahr ist es dann endlich soweit. Die Unterkunft in Pollonía bei Kapitän Tasos ist wie immer ruhig und schön, etwas abgelegen, also braucht man einen Mietwagen für die Foto-Tour.
Bei steifer Brise (Windstärke 8) legen wir uns ins Zeug und klappern alle kleinen Kapellen ab, bis wir sie gefunden hatten.
Der Vergleich mit dem Hintergrund und Horizont lässt eine Annäherung zu. Die Enttäuschung ist groß, denn das saftige Grün vom Titelbild ist im Juni natürlich hässliches Braun. Und das Licht stimmt auch nicht. Dazu der Wind, ich halte mich kaum auf den Beinen. Ab ins Auto, Scheibe runter gekurbelt, Schnappschuss.
Na ja, ein tolles Foto wird das nicht. Hier stimmt gar nichts, weder Zeit noch Licht. Außerdem hatte der Fotograf für das Titelbild wohl eine Leiter dabei, sein Standpunkt war viel höher.
Auch der Hafenort Adamas begeistert uns nicht. Das griechische Flair fehlt, könnte auch irgendwo in Italien oder Spanien sein. Dazu immer wieder die LKW, die durch das Dorf brettern.
Als Entschädigung widmen wir uns daher der Panagía Thalassitra – die lohnt sich wirklich, oben in Pláka. Ebenso wie das kleine Café Utopia, es vermittelt fast schon Santorin-Feeling. Und die Strände im Süden der Insel bieten optimalen Schutz – auch bei Nordwind Stärke 8.
Irgendwie schaffen die Kykladen es doch immer wieder, das Fieber hochzuhalten.
Die griechische Gelassenheit
Das Spießrutenlaufen am Hafen, das die Rooms-Vermieter veranstalten wenn die Fähre anlegt, und wenn die Touristen aus dem Inneren des Rumpfes herausquellen wie überschäumendes Bier aus einem dunklen Flaschenhals, steigert die Nervosität auf beiden Seiten.
Wo werde ich heute die Nacht verbringen – und wem wird es gelingen, seine Zimmer zu vermieten?
Alles ist ungewiss.
Doch das war immer die Stärke der Griechen, voll und ganz im Hier und Jetzt, nicht an Morgen denken, nur den Augenblick genießend sich keine Sorgen machen zu müssen. Die Familie gibt Geborgenheit.
Aber die Zeiten ändern sich. Es wird gebaut an jeder Ecke, trotz der viel zu kurzen Saison entstehen immer mehr Unterkünfte, es ist ein Roulettespiel. Wer Glück hat gewinnt.
Die Bank gibt das Geld, die Kredite drücken, das ist in Griechenland nicht anders als bei uns.
Und wir Touristen kriegen das zu spüren.
Die Gelassenheit verfliegt, der Kampf um jede Übernachtung wird immer härter, gerade in der Vorsaison.
Mit mürrischem Gesicht sitzen sie in der Taverne am Hafen, als hätten sie zu kleine Schuhe an, zählen ihre leeren Rooms und stürzen sich auf jeden, der irgendwie ein Gepäckstück bei sich trägt.
„Rooms, Romms, Mister?“ Ich kann es nicht mehr hören.
Und am Ende der Saison, wenn es wieder einmal entgegen aller Erwartungen doch noch voll wurde und jeder sein Geld gemacht hat, gehst du ihnen am Arsch vorbei.
Bis zum nächsten Jahr.
Selbstbedienung
Zuhause ist da, wo mein Kühlschrank steht. Wenn möglich gefüllt mit leckerem kaltem Bier oder Weißwein.
Ganz spießig eben.
Das, was man zu Hause hat, möchte man auch im Urlaub nicht vermissen. Also fühle ich mich dort besonders wohl, wo diese Gegebenheit auch anzutreffen ist.
Die Voraussetzung: Selbstbedienung, zu jeder Zeit.
So habe ich festgestellt, dass ich mich dort am wohlsten fühle, wo ich den direkten Zugang zu dieser Quelle in der Taverne meines Vertrauens habe, und nicht auf mein Getränk warten muss. Nicht, dass ich Alkoholiker wäre, aber es schmeckt mir schon.
Vom Tavernentisch aufstehend, durch die Küche an Evangelía vorbei, die gerade den Choriatiki schnippelt, freundlich den Kopf zum Gruß leicht auf die Seite gelegt hat, wissend lächelt und mir ein freundliches "Kalá!" widmet, der osteuropäischen Spülkraft „Viel Arbeit, was?“ zurufend, die mit ihren gelben Gummihandschuhen in der schaumigen Spüle hantiert und nur die Mundwinkel nach unten zieht, versonnen aus dem Küchenfenster blickt und von den Lieben daheim träumt, die Zustimmung von Nikita, der gerade sein Geld in der Schublade zählt, durch Fingerzeig auf den Kühlschrank einholend, durch ein brummiges „Né, né“ ermuntert die kälteste Flasche ganz unten herausfischend bin ich fast am Ziel. Jetzt nur noch zum Regal mit den Gläsern - auch hierfür hab ich die Lizenz. Die kleinen Zahnputzgläser sind für Krassí, die etwas schmaleren für Bíra und Portokaláda.
Aus einem Wust von Bestellblöcken greift Nikita jetzt meinen heraus, meint "Bira, Bira, Bira", macht einen Strich mehr irgendwo, na gut.
Mein Schweizer Taschenmesser mit Flaschenöffner gezückt, das wichtigste Reiseutensil, und der Abend ist gerettet.
Leider werden diese Tavernen immer seltener.
So trauere ich den Restaurants von Dimitri oder Anna auf Iraklia nach, und selbst in meiner Lieblingstaverne steht ab Ende Juni plötzlich eine Bedienung vor mir am Tisch, die auf Deutsch fragt:
„Guten Abend, ich bin hier die Bedienung, was darf ich Ihnen bringen?“
Hab ich richtig gehört? – Ihnen? – wo sich auf der ganzen Insel jeder duzt?
Das ist das untrügliche Zeichen, dass die Hauptsaison beginnt, der Wirt seine Geschicke in fremde Hände legt und ich das Weite suche – und mein Bier im eigenen Kühlschrank daheim finden muss.
Antíparos - frei wie der Wind
Paros, Paros, immer wieder Paros. Doch dieses Mal wagen wir den kleinen Schritt – oder besser gesagt: die kleine Überfahrt. Wir fahren mit dem Ausflugsboot von Parikiá an Paros entlang und nehmen bei Poúnda Kurs auf Antiparos. Die See ist ruhig, der Himmel zieht sich etwas zu.
Wir legen an, suchen uns eine Unterkunft, ganz neu erbaut, ruhig am Ortsrand gelegen. Gar nicht teuer.
Die Insel ist schnell erkundet, ein netter Ort, genügend Tavernen, nicht so viel Trubel wie auf Paros. Offensichtlich gibt es eine Clique von deutschsprachigen Ferialinsulanern, die wohl ihren festen Stammplatz im To Kentro auf der Platia hat.
Wir halten uns abseits, erwandern die Insel (die Höhle ist leider nicht geöffnet) und machen es uns nett.
Doch dann schlägt der Meltemi zu. Und wie. Am Strand halten wir es nicht mehr aus, verkriechen uns in die Klippen nordwestlich des Ortes, es gibt kleine Buchten, die windgeschützt liegen.
Wir reisen ab. Haben wir gedacht. Doch nichts geht mehr. Selbst die kleine Fähre rüber nach Poúnda fährt nicht,
liegt festgemacht im Hafen. Sehnsüchtig blicken wir hinüber zum Kirchlein, das in früheren Zeiten das Signal für die Überfahrt gab. War die Tür geöffnet, gab es einen Gast, holte der Fährmann über. Erzählt man sich wenigstens.
Ich lass schon mal unsere Haustür offen stehen. Vielleicht hilft´s.
Der Seeweg zwischen Poúnda auf Paros und Antiparos beträgt nur eineinhalb Kilometer, die Fähre bräuchte zehn Minuten, das könnte man zur Not noch schwimmen.
Aber es geht nicht. Wir warten Tag für Tag und sitzen fest.
In unserer Klippenbucht, verstecken uns vor dem Wind.
Das neue Zimmer ist doch nicht so toll, der Abfluss defekt,jede Duschaktion setzt den Schlafraum unter Wasser, Kälte von oben, unten und von der Seite.
Endlich, nach laaangen sieben Taaagen legt sich der Wind. Jetzt aber nix wie weg. Ein großer Teil des Urlaubs ist vorbei. Adíos Antíparos.
Weit über das Meer
Gestern wurde sie zu Grabe getragen. Die Tante des Bäckers Jacobos.
Gut, sie war schon über achtzig, aber eigentlich ist das doch kein Alter.
Deshalb hatte der Bäcker geschlossen. Schon um zehn begann der Dorfpope, der Papás, mit der Zeremonie.
Zwei Stunden lang klangen die griechisch-orthodoxen Gesänge aus der Kirche, das volle Programm, und verteilten sich mit dem Wind über den Ort Stavros, die Bucht und das Meer.
Dann trugen sie den Sarg aus der Kirche über den Strand, mühsam durch den tiefen Sand. Das ganze Dorf stapfte hinterher, erst die Familie, dann die Frauen, zum Schluss die Männer.
Der Weg führte über den noch leeren Dorfstrand zum kleinen Friedhof oberhalb der Bucht. Ich denke, es ist der schönste Friedhof der Welt.
Abends blieben die Musikanlagen in den Tavernen stumm, das einzige Zeichen für die Touristen, das etwas anders war als sonst.
Am nächsten Morgen hatte der Bäcker Jacobos schon wieder frisches Brot. Συλληπητήρια, Sillipitíria.
Saturday Night Fever
Habt ihr sie auch gesehen? Sie kamen am Abend die Dorfgasse lang, fünf junge Mädels, aufgebrezelt für die Disco.
Na ja, ist ja auch Saturday Night Fever angesagt. Aber wo ist hier die Disco? Irgendetwas muss mir auf dieser kleinen Insel verborgen geblieben sein. Oder findet eine tolle Féte statt, von der ich nichts wusste? Ist Johannisfeuerspringen angesagt? Nee, ist noch zu früh dafür. Da, sie kommen schon wieder, mit ihren schicken T-Shirts, mit funkelnden Applikationen, Gold und Silber, Arm in Arm. Und Schminke ohne Ende. Irgendwie ein bisschen ordinär. Oder ist das der griechische Stil? Türkis-Blau-Weiß muß auch mit dabei sein, in jedem Fall. Und Schwarz.
Die etwas Völlige in der Mitte hat eine zu enge Hose an, wie ich finde, ein bisschen „spack“ wie wir sagen. Und auch noch bauchfrei.
Das ganze Outfit passt irgendwie nicht auf die kleine Dorfgasse, Slalomlaufen zwischen Eselsdreck in höchstem Styling, wie auf dem Roten Teppich zur Oscar-Verleihung.
Und bei Vangelis in der Taverne sind die jungen Griechinnen vom Festland heute auch so aufgerüscht. Die Kerle sind schon ganz wuschig, kriegen Stielaugen, obwohl, die sind ganz cool wie immer in T-Shirt, Jeans, unrasiert, rauchen vor Aufregung eine nach der anderen.
Na, nach dem Essen mal schauen, wo die Disco ist.
Ah, da sind sie. Ziehen sich in Nikos Souvlaki-Bude die Pitas rein. Und wackeln dann wieder ab nach Hause. Ach so, dafür der ganze Aufwand.
Der Figaro von Sifnos
Ein Wintertag in Paris, es regnet, naß und kalt, die Metro ist überfüllt wie immer, es riecht so typisch nach den heißgelaufenen Gummireifen der alten Metrowagons, die Stimmung ist auf dem Nullpunkt – trotz Wochenendtrip.
Plötzlich ein Lichtblick: Das Großformatposter der Marienkirche Panagia Chrissopigi auf Sifnos – als Griechenlandwerbung für den Sommer - prangt mitten in der Metrostation. Und nicht nur in dieser, fast in jeder. Natürlich wird es nicht beachtet. Außer von mir.
Da muss ich hin, im nächsten Frühjahr.
Das blank geputzte Sifnos zeigt sich von seiner besten Seite, das Tourist-Office hat uns ein großes Apartment vermittelt, mit Blick auf Chissopigi und durchgelegenen Matratzen, etwas abgewohnt, aber immerhin: Chrissopigi lebt.
Wir genießen die Insel in ihrer Vielfalt, mit dem schmucken Hauptort Apolloniá, lernen in Kamáres den Töpfer „Toni“ – und seine Späße kennen (der mit dem Motorrad), und überstehen fast unbeschadet die Pfingst-Invasion der Athener in Vathí. Erleben zum ersten Mal, wie sich bei ihnen die Tische vor Speisen biegen – und fast nichts wird angerührt, geschweige denn gegessen. Vielleicht erklärt mir mal jemand, was das soll?
Etwas verwundert bin ich, dass in diesem Jahr auch sehr viele Franzosen auf Sifnos ihren Urlaub verbringen. Egal…
Gefrühstückt wird immer in der Taverne, direkt neben unserem Room, unter Tamarisken mit Blick auf Chrissopigi. Gern gesehene Gäste sind wir nicht wirklich, der Wirt hat morgens alle Hände voll zu tun, um das Mittag- und Abendessen vorzubereiten. Außerdem – wer will schon Frühstücken? Aber nach vier, fünf Tagen wird er dann doch neugierig. Fragt, was für komische Vögel wir denn seien, was ich denn so beruflich mache.
Schwer zu sagen. Ich zeige auf den laufenden Fernseher, der wie immer Werbung zeigt, und erzähle irgendwas vom Filmen.
Ah! Das kennt er! Das war ihm klar, dass ich nicht wirklich arbeite. Denn in Griechenland gibt es nur drei Berufe:
Koch, Handwerker oder Friseur.
Er wischt sich die Mehl bestäubten Hände an seiner dreckigen ehemals weißen Schürze ab, reibt sich nochmals die Hände um dann in der Luft herumzufuchteln und ruft mir verächtlich zu: „Ah, Figaro, Figaro!“
Na klar, jetzt ist die kosmopolitsche Welt wieder in Ordnung.
Kein gewöhnlicher Tag
Wir lernten uns auf der Fähre kennen, der Nachtfähre nach Donoussa.
Nennen wir ihn Iannis (in Wirklichkeit hieß er natürlich nicht so) - ein smarter Grieche, weißes Hemd, Strohhut.
Ungefähr mein Alter.
Ich versuchte damals verzweifelt an Bord der Dimitroula noch eine Kabine zu bekommen, es gelang mir aber nicht, er war cleverer und hatte bereits vorgebucht.
Der Bord-Offizier an der Rezeption hatte keinerlei Überblick und hielt mich hin. Es könnten ja beim nächsten Stopp noch Leute kommen, er hatte keine Unterlagen über die Vorbestellungen.
Also verzog ich mich in die Lounge der ersten Klasse (wenn schon eine Nacht in Sesseln, dann wenigstens in bequemen!), während er sich in seine Kabine verzog.
Die Klimaanlage im Salon lief auf Hochtouren, es war arschkalt, und die Griechenkinder tobten auch nachts um drei noch um die Wette. Vergeudetes Geld.
Also nichts wie raus aufs Deck. Wir landeten so gegen halb sieben morgens auf Donoussa.
Im Laufe des Tages traf ich Iannis dann mittags in der Taverne bei Nikitas. Etwas verschlafen nahm er sein erstes Amstel Bier und wurde dann aber gesprächig.
Er erzählte mir sein ganzes Leben, war vor Jahren nach Schweden ausgewandert, arbeitete als Taxifahrer, studierte nebenbei dies und das, sprach also inzwischen perfekt schwedisch und englisch.
Dann erlitt er in Stockholm plötzlich einen schweren Verkehrsunfall, jemand fuhr ihm hinten drauf.
Schleudertrauma, Verletzungen, von denen er sich nie wieder richtig erholte.
Glück im Unglück: berufsunfähig, eine kleine Rente und Schmerzensgeld, das zum Überleben reichte. So tingelte er durch die Kykladenwelt und genoss das Leben.
Zu Hause war er in Thessaloniki, wo auch seine Verwandten lebten.
Am Abend hatte er sich fein gemacht, richtig herausgeputzt, für ein Rendezvous mit einer griechischen Lehrerin, die er gerade kennen gelernt hatte, er war halt ein kommunikativer Mensch, ich wünschte ihm viel Spaß.
Am nächsten Morgen war er tot.
Die Lehrerin rief noch in der Nacht verzweifelt den Inselarzt, der nicht mehr helfen konnte. Man munkelt, Viagra sei im Spiel gewesen, Herzversagen.
Man trug ihn in die Gemeindehalle, oben beim Wasserspeicher.
Mit der Skopelitis wurde er dann im Sarg in aller Frühe nach Naxos gebracht, von da weiter zu seiner Familie nach Thessaloniki.
Ich war schockiert.
Es war irgendwie sonderbar, dass jemand, den ich so kurze Zeit kannte, mir sein ganzes Leben anvertraute.
Die Zukunft hatte keine Chance.
Die Touristen auf der Insel bekamen von dem Vorfall nichts mit, ihre Urlaubswelt blieb heil. Das Leben ging seinen gewohnten Gang. Tod und Urlaub passen einfach nicht zusammen.
Kykladenfieber
Vorsicht, das Kykladenfieber kann sehr ansteckend sein.
In langen Jahren des Reisens durch fast alle europäischen mediterranen Länder hatte ich eigentlich nie das gefunden, was ich gesucht und erst auf den Kykladen für mich entdeckt habe.
Diese Mischung aus weißen Kubenhäusern, dem klaren Licht mit dem wie leergefegten blauen Himmel, dem kristallklaren Wasser der Ägäis, der Gelassenheit der Griechen, die kein Geschenk der Gene sondern hart erarbeitet ist in jahrzehntelanger Knechterei, der Kargheit und Klarheit der Landschaft und dem internationalen jungen Reisepublikum, von Junghippies bis Altgebliebenen – oder umgekehrt, das macht es wohl aus - das Kykladenfieber, das mich jedes Jahr wieder packt.
Als Jugendlicher auf den warmen Holzplanken der Miaoulis oder Marianna liegend, in einem Pulk von Schlafsäcken und Gleichgesinnten in den Himmel schauend, blinzelnd ob die Masten der alten Schiffe im Frühling wirklich noch mal Knospen treiben – so wie Kazantzakis es beschrieben hat - und Kontakte knüpfend, das kam schon meinem Idealbild vom Leben ziemlich nahe.
Neugierig durch die weißen Gassen von Paros laufend, angelockt von Pianoklängen des Keith Jarrett Köln Concerts, das aus dem Innern meiner Traumhäuser schwebte und einen ganz bestimmten Zauber auf die Szene legte. Das war es, das Kykladen Feeling, das ich oft in meinen Träumen erahnt hatte und das nun Wirklichkeit wurde.
Dabei immer weiter die Grenzen auslotend, immer kleinere Inseln und Dörfer entdeckend, den Horizont erweiternd.
Mit den Fischern im Hafen um die Wette saufend, raubeinige Gesellen, die es nur auf die Mädels abgesehen hatten, der kürzeste Blickkontakt brachte Ouzo, Metaxa und Kourtaki - hin und her – bis eine(r) aufgab.
Und immer wieder die Abgrenzung zu jenen Landsleuten, die griechischer als die Griechen sein wollten, sich mit uns normalen Touristen nicht abgeben wollten, Arroganz pur.
Obwohl, ich hatte keine Ahnung, es hat schon etwas gedauert, bis ich begriff, warum die Griechen vor ihren Hunden stehend „Katze, katze“ riefen, als wollten sie sie umerziehen.
Heute einfach als ganz normaler Tourist reisend, das größte Kompliment genießend, wenn die Griechen mit zwei Fingern ihrer Hand erst auf ihre Augen und dann auf mich deuten, versonnen auf den Boden blickend und am Kopf kratzend:
„Ja, ich hab dich hier schon mal gesehen, das ist lange her.“
Denn Namen können sie sich nicht merken, es sind einfach zu viele unaussprechliche Touristen in einem Land, in dem die Männer Giorgos, Jannis oder Kostas heißen.
Und das ist das Geheimnis: die immer neue Wiederholung.
Nicht in fünf Tagen lernst du sie kennen, sondern in zehn mal fünf. Nicht die Anzahl der besuchten Inseln zählt, sondern die Intensität. Sie kommt nur mit der Zeit. Ganz automatisch.
Als ich nach Jahren den alten Lehrer Herrn Troullos auf Sífnos in Apollonía besuchte, um mal wieder in seiner „Villa Troullos“ zu übernachten (dort, wo ich zum ersten Mal einen Skorpion unter dem Bett fand), fragte er ganz perplex: „Wo bist du denn gewesen, in der Zwischenzeit, warst du ein paar Tage im Hafen?“
Ich log einfach „Ja.“
„Die Ägäis zu bereisen im Frühling…, ich habe mir das Paradies nie anders vorstellen können.“ (Nikos Kazantzakis)
Echt Griechisch
Unser Aufenthalt dauerte nur ein paar Tage, doch beim Abschied fragt uns unsere Wirtin vom Panorama, wie es uns denn auf Kíssnos gefallen habe.
Kíssnos? Nie gehört. „Ähh, wir kommen von Kéa, fahren weiter über Tínos nach Páros..“ erklärte ich unsicher. Kissnos? Ist das ´ne neue Insel? Da ging mir ein Licht auf. Klar, wir befanden uns auf Kíthnos. So wird das also ausgesprochen! Klar, das griechische th! Eher wie ein weiches s oder richtiger wie th im Englischen.
Schon auf dem Hinflug machte ich eine für mich erstaunliche Entdeckung:
Der griechische Flugkapitän Jannis Kalivós von Germanwings erklärte ausführlich die Flugstrecke, gab Hinweise, welche markanten Stätten wir von oben aus sehen konnten, „links sehr schön die Mönchsrepublik Ássos…“ „rechts unter uns die Insel Skiássos“.
Ássos, Skiássos? Reden wir nicht immer vom Berg Athos – der klingt wie das komische Mietauto, das wir immer auf Naxos fahren?
Und heißt es nicht Skíathos, mit Betonung auf dem i, wie es in einschlägigen Reiseführern steht?
Nein, heißt es nicht, man braucht nur ein paar Mal auf die Durchsagen im Athener Flughafen zu achten. Skíatos versteht kein Grieche.
Aber wir haben eben unsere eigene Aussprache.
Amorgós heißt bei uns Amóoorgos, Folégandros heißt Folegáaandros, Athína heißt Athéeen.
Wenn man das mal bedenkt, dann muss man sich auch nicht mehr über unsere ausländischen Freunde aufregen, die München permanent mit Munich betiteln, wir sagen zum belgischen Liége ja auch ganz frech nur Lüttich.
Wir sind keinen Deut besser.
Der Himmel über Serifos
Gut. Es war schon eine geile Zeit. Ich begann damals, die Kykladen zu entdecken, reiste allein. Nicht mit Rucksack und Birkenstocksandalen, sondern mit Schultertasche und Nike´s. Das fand ich lässiger. Als Tagesgepäck kaufte ich dann vor Ort einen dieser griechischen verfilzten Beutel, schön kratzig. Ich nannte ihn Drecksack. Wie er mich nannte, weiß ich leider nicht. Ich glaube aber, er nannte mich genauso.
Sérifos, Sífnos, dann rüber nach Paros, Naxos, das war meine Route.
Von Amorgós, das ich schon kannte, hatte ich in Erinnerung, dass es oben im Hauptort, der Chora heißt, abenteuerlicher war als unten am Hafen.
Also fuhr ich – abends auf Sérifos ankommend – kurzerhand mit dem Inselbus hoch, eingeklemmt zwischen Pappkartons, Hühnern, Frauen und Kindern. Kein Tourist außer mir dabei.
Auch oben: nicht das bekannte „Rooms? Rooms?“ Nichts. Die Griechen kümmerten sich einfach nicht um mich, liefen schnell in ihre Häuser und Tavernen. Ein schüchterner Versuch „Domatio?“ blieb erfolglos.
Also was tun? Gut, Schlafsack hatte ich dabei, aber wo sollte ich die Nacht verbringen? Ich setzte mich an die Bushaltestelle, und saß das Problem förmlich aus.
Die Luft war klar und warm, ein Sternenhimmel wie ich ihn kaum zuvor gesehen hatte wölbte sich von Horizont zu Horizont. Aus der Ferne glitzerte Sífnos herüber.
Hier hätte ich sitzen bleiben können bis ich sterbe. Die Zeit stand still.
Endlich sprach mich eine ältere Frau an, aus reinem Mitgefühl, nahm mich mit und zeigte mir ein kleines unbewohntes Häuschen, vollgestellt mit allerlei Betten und Gerümpel. Im Schrank hing noch der gute Anzug des Großvaters, reichlich Mottenpulver – Tür schnell wieder zu.
Hier konnte ich bleiben.
Ein bisschen aufgeräumt, Schlafsack raus, und ich hatte meine eigene Hütte, oben in der Chora von Sérifos, super Ausblick und null Komfort. Toilette und Wasserhahn funktionierten allerdings. Ich öffnete das Fenster, setzte mich noch einen Moment vor die Tür, ließ die klare Nachtluft hinein und schlief danach wie ein Stein.
Am nächsten Morgen suchte ich mir eine kleine Taverne, etwas abgelegen vom Dorfplatz, in der ich mich einige Tage versorgen wollte. Ein Fernglas – auf Stativ – stand am Fenster, direkt auf meine Tür gerichtet. Ich glaube, das ganze Dorf hat mich gestern beobachtet, wie ich mir abends noch ´ne warme Dose Amstel-Bier reingezogen habe.
Die kleine Tochter des Wirtes war nett, es war ihr allerdings richtig peinlich, dass ich jedes Mal ein klitzekleines Trinkgeld auf dem Tisch liegen ließ. Ich glaube, so etwas hat es in dieser Taverne zuvor noch nie gegeben.
Den Weg in den Hafenort und wieder zurück machte ich regelmäßig zu Fuß, füllte an der Wasserstelle bei der Schule meine Plastikflasche auf, lernte unten rasch einige Leute kennen und wir hatten eine super Zeit, genossen die herrlichenn Strände, die griechische Ursprünglichkeit und hatten nur ein Motto:
„Morgen erkunden wir die Insel!“
Nach sieben Tagen wunderte sich meine Wirtin dann doch, dass ich immer noch da war, der einzige Tourist in Chora. Aber irgendwann zog es auch mich weiter.
Viele Jahre später haben wir den Ort wieder besucht. Mittlerweise reisen wir zu zweit, die Freude wird doppelt so groß, wenn man sie teilen kann.
Als ich in die Taverne trat, merkte ich, dass die Tochter mich wieder erkannt hatte. So einen Verrückten, der auch noch Trinkgeld gibt, den vergisst man nicht.
Ich glaube, sie führt heute das Kafenion am Dorfplatz, das mit den Messing-Kännchen zum griechischen Kaffee. Ich denke, ich werde sie bald mal wieder besuchen. Mal sehen, ob sie mich immer noch erkennt. Dann lasse ich das mit dem Trinkgeld lieber weg.
Keine Ahnung
Weißt du, worauf ich mich nach drei Wochen Griechenland am meisten freue?
Auf ein schönes Vollkornbrot mit Leberwurst und Gürkchen. Oder auch mit Schwarzwälder Schinken.
Da haben die Griechen nämlich keine Ahnung von – wie wir zu sagen pflegen.
Und schönen Filterkaffee. Mit dem griechischen Filterkaffee – wenn er denn überhaupt angeboten wird – kannst du dir ja höchstens die Schuhe putzen.
Und auf mein Auto. So blöd das klingt. Endlich mal wieder auf glatten Straßen fahren, mit Zentralverriegelung. Nicht jede Tür einzeln schließen wie vor hundert Jahren. Obwohl, von Autos scheinen die Griechen inzwischen schon eine Ahnung zu haben.
Als wir auf Amorgos am Hafen sitzen, schlurft ein Fischer zu seinem Bootsschuppen, öffnet die Tür und zum Vorschein kommt ein nigelnagelneuer Pickup, viel Chrom und Grünmetallic. Na ja, nicht unbedingt meine Farbe. Aber immerhin locker 55.000,- Eur.
Auf Folegandros bringt uns zum Abschied der Wirt vom Apartment Folegandros (nicht ganz so nett wie sein Vater, der die Anlage vor Jahren gebaut hat) mit seinem Transit zum Hafen. Er verabschiedet sich von uns: „Nächste Woche kommt mein neuer Mercedes SLK, schwarz!“
Auf Folegandros, mit gefühltem 3 km Straßennetz!
Apropos Wurst: Wenn du dir die vielen Auswanderer-Sendungen im Fernsehen anschaust, hast du das Gefühl, deutsche Wurst und deutsches Brot sprießen weltweit wie Pilze aus dem Boden, in Brasilien, Südafrika, Australien.
Das wäre es doch: eine Wurstbude auf Folegandros! Bratwurst, Schinken, Leberwurst.
Mit Gürkchen.
Zum Ausliefern nehmen wir dann das neue schwarze Cabrio.
Tavernenglück
Es ist die Einfachheit der Dinge, die in den Tavernen zählt.
Ein Tisch muss wackeln, eine Plastikdecke haben und klein sein. So kommt man sich näher.
Ein Stuhl muss eine Sitzfläche aus Bast haben, auch wackeln, sonst federt er nicht.
Messer und Gabel werden im Brotkorb geliefert, in eine Papierserviette gewickelt, in Nachbarschaft von Pfeffer und Salz.
Design egal, das Besteck sieht aus wie aus der Jugendherberge im letzten Jahrtausend entwendet. Messer unscharf, Gabel verbogen.
Unter allem wird erst mal die windempfindliche Papiertischdecke montiert, möglichst mit aufgedruckter stilisierter Inselkarte in Blau. Hierauf erkennt man plötzlich bei jeder noch so kleinen Insel Unmengen von Buchten und Orten.
Zur Befestigung gibt es zwei Systeme: Das System Gummitwist und das System Klammeraffe. Beim Gummitwist umspannt ein Gummiband alle vier Tischbeine unterhalb der Tischplatte. Das Tischtuch wird dann irgendwie dazwischen geklemmt.
Das System Klammeraffe kennt man vom Gartentisch der Schwiegermutter. Vier Klammern, auf jeder Seite eine, sie springen gerne ab.
Und jedes Mal fragt man sich: muss ich da mithelfen beim Tischebeziehen oder nicht? Wenn nicht, fummelt mir Georgios oder wer auch immer mal wieder vorm Bauch herum.
Für Wein und Bier gibt es die tollen Zahnputzgläser, am besten sind die, bei denen man den Schriftzug „Kronos“ auf dem Grund erkennen kann. So schmeckt´s uns gut.
Nur mit dem Frühstück hapert´s. Der Inhalt der Butterdöschen, schon dreimal in der Sonne geschmolzen, glänzt wie flüssiges Gold.
Marmelade gibt´s auch. Aber immer Erdbeer. Oder Pfirsich. Selten Kirsch. In kleinen Dosen, made in Germany.
Der heiße Nescafé wird aufgeschäumt, als Zeichen der guten Küche. Wenn man Pech hat, bekommt man nur Schaum. Dumm gelaufen. Und das Brot ist abgezählt, eine Scheibe für jeden. Dafür wird man beim Abendessen mit Brot zugeschmissen.
Na, dann doch lieber die aus dem Supermarkt mitgebrachten kleinen Käseecken auspacken, und das gerettete Brot vom Vorabend. Hoffentlich sieht uns keiner zu.
Aber alles muss so sein, fürs Tavernenglück.
Von der Entstehung der Inseln
Eine überlieferte wahre Geschichte.
Komm, setz dich ein wenig zu mir, ich möchte dir eine kleine Geschichte erzählen.
Also, er zeichnete die Umrisslinien noch einmal nach, beim Entwerfen des alten Europa. Skandinavien – der sich streckende Löwe – war ihm gut gelungen.
Die Iberische Halbinsel rückte er noch ein Stückchen näher an Afrika heran und den eleganten Stiefel Italiens versah er noch mit einem etwas deformierten Fußball, aus einer Laune heraus.
Den linken Finger der Peloponnes spreizte er vornehm etwas ab, so sah es besser aus. Gleich nach dem Mittagsschläfchen würde er weiter machen, mit dem Schwarzen Meer, der Türkei, die schon in Umrissen vorhanden waren…
Er hatte sich schon ein paar Minuten aufs Ohr gelegt, als sein Sohn, damals noch klein, die Karte und die Farbstifte fand.
Die neue Fläche zwischen der Peloponnes und der Türkei reizte den Jungen so sehr, sah sie doch entschieden zu leer aus.
Mit Elan und kindlicher Fantasie begann das Kind, die Fläche zu füllen, kleckste hier und kleckste da, fast brachen die Spitzen der Buntstifte ab, es hielten nur noch die Blauen, die Weißen und die Roten.
Wie im Rausch entstanden die Punkte, einer nach dem anderen, mal kleiner, mal größer. Aber er brachte einfach kein harmonisches Bild zustande. Die Karte war hin, chaotisch zugerichtet. Nur am unteren Rand schob er dem ganzen einen Riegel vor, damit der Schwarm der Kleckse sich nicht bis Afrika verlief.
Der Kleine gab auf. Na ja, er jedenfalls war mit dem Ergebnis zufrieden.
Der Vater, vom Mittagsschlaf erwacht, staunte nicht schlecht, raufte sich die Haare, aber ändern konnte – und wollte - auch er nichts mehr.
So blieben sie was sie heute noch sind: Die Kykladen, ein paar Steinhaufen im Meer, das perfekte Chaos in Blau und Weiß, mit roten Tupfen – gemalt wie von Kinderhand.
Der Lärm-Magnet
Griechenland ist ein ruhiges Urlaubsland. In der Regel.
Bis ich komme. Ich suche die Ruhe und verbringe viel Zeit damit, auch wirklich das ruhigste Zimmer im Dorf zu finden, die ruhigste Badebucht,
das ruhigste Restaurant. Das gelingt mir fast immer. Für eine Weile. Denn dann ziehe ich ihn an, den Lärm, unweigerlich.
Unverhofft erscheint plötzlich – gerne am Sonntag – auf dem Nachbargrundstück der Bagger, schaufelt mit dem Radlader um die Wette, mach Lärm ohne Ende. Die Baustelle ist eröffnet, wo gestern noch keine war.
Ich liebe die Ruhe. Wohne gerne zwischen den abgeernteten Feldern, mit Blick auf den Strand. Hier kann nichts stören.
Doch dann: urplötzlich muss der Bauer seinen Acker zur Frühstückszeit mit dem Motorpflug bearbeiten (mit einem dieser tollen Handgeräte, Mopedantrieb ohne Schalldämpfer). Nach dem Frühstück ist er fertig. Ich auch.
Ab geht´s zum Strand. Aber auch hier. Dringend muss der Strand von dem im Winter angespülten Seegras gereinigt werden.
Nicht per Harke und Schaufel, nein, mit Radlader und LKW. Laut ist beautiful in-greece. Das sind die Nachteile der Vorsaison: überhall wird gehämmert, gesägt, geschliffen und lackiert.
Ich ziehe weite, der Strand ist groß, meide die nähere Gesellschaft einiger Griechen, die pausenlos quatschen wie ein Radio. Hier hat das Reden an sich noch Qualität.
In der Nähe: ein einzelner Grieche. Da kann nichts schief gehen. Aber sobald ich mich niedergelassen habe, klingelt sein Handy.
Die Verbindung ist schlecht, das Gespräch ist laut, es dauert Stunden, alle Freunde werden durchtelefoniert. Wäre ja sonst zu langweilig.
Mittlerweile kommen auch die anderen Griechen mit ihrem Beachballspiel direkt vor meine Nase. Ping Pong Ping Pong. Bei mir zu spielen ist doch viel schöner als vor dem eigenen Handtuch, wo keiner zuguckt.
Ab in die Taverne. Kein Mensch zu sehen, alles leer. Endlich Ruhe.
Ich setzte mich, bestelle meinen Choriatiki. Das ist das Zeichen:
sofort wird die Stereoanlage aufgedreht, volle Pulle Sirtaki, wie wir Touristen es lieben. Ein Moped kommt angeknattert, es ist Dimitri, der Sohn des Wirtes, er bringt die Tomaten. Das Moped stellt er direkt vor der Taverne ab, der Motor läuft und läuft.
Das hat seinen Grund. Aber welchen?
a) Dimitri findet den Knopf zum Ausschalten nicht.
b) Der Sprit ist in Griechenland so billig, dass sich das Abschalten nicht lohnt.
c) Ein laufender Motor vermittelt Vitalität, Dynamik, Lebensfreude!
Sobald ich aufstehe und gehe, ist der Spuk vorbei.
Das Radio wird abgedreht, die Ping Pong Spieler haben keine Lust mehr, die Baustelle ist fertig, das Telefonat beendet. Griechenland ist ruhig. Wo gehe ich als nächstes hin?
Stop-over Athen
Pünktlich um 10:20 landet der Flieger in Athen. Um 17:00 geht unser Highspeed 3 von Piräus nach Syros, also haben wir noch genügend Zeit für einen kleinen Bummel und ein Mittagessen im Zentrum der griechischen Metropole.
Aber zunächst einmal ankommen, wir setzen uns auf eine Bank vor das Flughafengebäude, genießen die Wärme und das Licht. Lange bleiben wir nicht allein, zu uns gesellt sich ein älterer Grieche, er sieht müde aus, murmelt uns etwas vor, bis ich merke, dass er Englisch mit uns spricht. „Twentyfour hours flight…“ Er kommt aus Australien, will weiter nach Limnos, wo seine Familie wohnt, der Anschlussflug ist erst in 5 Stunden. Die Griechen teilen sich halt gerne mit. Wir sind angekommen. Es geht los.
Wir nehmen die Metro, die blaue Linie 3 zum Monastiraki-Platz, hinein in den Trubel. Fahrpläne sind für mich nicht ersichtlich, ich achte auf das Flugzeugsymbol auf den Fenstern der Wagons, die Metro geht jeweils zur vollen und halben Stunde. Ansonsten hat man die Chance, in den Weiten Attikas zu landen.
Die Fahrt dauert 40 Minuten, dann hinein ins pralle Leben. Die Koffer sind schnell verstaut, wir finden ein Schließfach im Bahnhof Monastiraki, groß genug für 2 Trolley´s, 3 EUR den Tag. Auf dem Vorplatz heftiges Treiben, Obsthändler haben ihre Stände aufgebaut, es gibt Kirschen und Südfrüchte in Mengen.
Das macht Appetit. Wir schlendern die Mitropóleos Street hinein und kehren bei O Thanasis ein (das zweite oder dritte Lokal auf der rechten Seite), dem Spezialisten für Kebab bei den Griechen. Die zarten Hackfleischröllchen aus einem Mix von Lamm- und Schweinefleisch sind wunderbar gewürzt mit einer soliden Grundlage auf Pita-Brot mit Zwiebeln und Tomaten (Thanasis-Teller mit 4 Kebab). Schön, dass man in greece zu jeder Tages- und Nachtzeit Essen gehen kann. Und so preiswert mitten in Athen. Das komplette Menü mit Greek Salat, Kebab -Teller und Getränke kostet gerade mal 20 EUR für 2 Personen, das Heineken Bier (0,5 l) 1,80. Billiger als auf den Inseln. Die Athener wissen das zu schätzen, und ein Kebab Pita (2,-) steht gar nicht erst auf der Karte. Das isst nur der Insider.
Ein paar Schritte weiter: nach dem Bauch etwas für den Geist. Die kleine byzantinische Kapnikarea-Kirche in der Ermou ist geöffnet, Fotografieren streng verboten. Ich versuche es trotzdem und mir gelingt ein Bild von den Deckenfresken. Muss man gesehen haben, einfach schön.
Direkt daneben in einer Seitenstraße: das Café Kapnikarea. Nicht viel los um die Mittagszeit, aber ein paar Musiker haben sich zusammengefunden. Kleines Konzert – ganz untouristisch.
Wie geht´s weiter? Der Blick zur Arkropolis verspricht nichts Gutes. Sieht eher nach Baustelle aus. Also bleiben wir unten, beobachten die vielen Afrikaner mit ihren mobilen Verkaufsständen voller Handtaschen-Kopien bekannter Marken. Sie scheinen immer auf dem Sprung. Auch hier: Fotografieren nicht erwünscht. Sofort werden die Taschen in große Bettlaken gebündelt und ab geht´s nur nächsten Ecke durch den Flohmarkt.
Zum Beispiel in die Adrianou-Street. Sie ist mit ihren vielen Cafés und Tavernen inzwischen eine gute Alternative zu den Flaniermeilen in der Plaka. Der neueste Schrei: Outdoor-Aircondition. Kühles Wasser wird von oben in dünnen Röhren über die Köpfe der Gäste gepustet. Ein Ventilator verteilt den Dunst und sorgt für Frische. Es funktioniert! (Sieht nur scheiße aus).
Dann zieht es uns doch weiter nach Piräus, mit der alten Linie 1 in 20 Minuten erreichbar, müssen ein neues Ticket ziehen, 80 Cent, unsere Fahrtunterbrechung war zu lang (sagt man uns wenigstens). Wir hatten uns schon auf die fast lebensgefährliche Überquerung der Uferstraße am Hafen gefreut, aber zu unserer Überraschung ist wie aus dem Nichts seit letztes Jahr eine Fußgängerbrücke entstanden, mit Rolltreppen, Lift, allem pipapo. Endlich wurde mal ein sinnvolles Bauvorhaben vollendet!
Das Abholen des online-bestellten Hellenic-High Speed Tickets im Verkauftcontainer am Hafen klappt problemlos. Noch ein Frappé in der 24 Stunden Taverne am Pier und ab auf die High Speed 3.
So kurzweilig können mehr als 6 Stunden Wartezeit vergehen.
Doch dann nix wie weg aus dem lauten Piräus. Ab auf die Inseln. Die Vorfreude ist riesengroß, der Start schon mal gut gelungen.
Spektakel Skopelitis
Die Ankunft der Fähre Express Skopelitis in Donoussa am Abend ist jedes Mal ein ganz besonderes Spektakel und Höhepunkt des Tages.
Anders als auf den benachbarten kleinen Kykladen ist auf Donoussa der Schauplatz einfach besser, die Rollen sind besser verteilt.
Der Grund dafür ist, dass direkt am Anleger Nikitas Lokal „To Kyma“ liegt, wie geschaffen für diese Vorstellung.
Schon früh werden die besten Plätze in der ersten Reihe von den Touristen besetzt. Bei einem kleinen Ouzo oder Bira harrt man der Dinge, die da kommen sollen, trifft sich nach einer langen Wanderung oder einem schönen Badetag, tauscht Neuig- und Nettigkeiten aus.
Sehr kommunikativ das Ganze. Überraschend, wie viele Leute sich auf der Insel plötzlich sehen lassen. Das Schiff ist schon als kleiner Punkt – von Naxos kommend – am Horizont zu sehen.
Die Wirtin Evangelista öffnet ihr Küchenfenster, es ist ihr Tor zur Welt in der Taverne „zur Welle“.
Die Donoussianer im „1. Stock“ spielen weiter Tavli, sie haben einen Logenplatz.
Langsam füllt sich der Anleger, Pickups rollen heran, Kinder spielen, eine gewisse Neugierde macht sich breit. Wer wird heute ankommen? Viele Touristes? Sind die frischen Tomaten aus Naxos mit dabei? Die Waschmaschine, das Baumaterial?
Die Skopelitis stampft vor sich hin, bei jeder größeren Welle raunt ein „Oh“ und „Ah“ durch die kleine Menge der Wartenden. Ferngläser werden gezückt.
Man positioniert sich: oben auf der Straße stellt sich das Empfangskomitee auf, unsere österreichischen Freunde, die Ferial-Insulaner haben ihren festen Platz.
Die Hafenmeister sind nah dran, müssen das Festmachen organisieren.
Dann legt sie an. Die Ladeklappe senkt sich und die ersten Touristen strömen von Bord, beäugt von den an Bord zurückbleibenden, die wie Zaungäste das Ganze von oben betrachten.
Ein herzliches Umarmen, Begrüßen, sich Freuen ist die Regel.
Auch die, die nur kurz auf Naxos waren, werden begrüßt wie Weltreisende bei ihrer Rückkehr. Vermieter zücken ihre Room-Fotos, einige Touristen kommen, andere gehen. Die Zimmer sind schnell verteilt. Wer jetzt nicht zugreift, landet irgendwo unter der Treppe.
Dann kommt die Ware. Kisten und Kasten werden geschleppt, Pappkartons und lose Bretter, Gemüse, Schläuche, ganze Tiefkühltruhen – gefüllt mit Speiseeis - werden ausgeladen. Ist bei Nikita die Eistruhe leer, wird sie nicht wieder gefüllt, sondern die leere Truhe wird komplett auf die Skopelitis verladen, die neue Truhe kommt frisch gefüllt aus Naxos. Hier hätte ein Logistik-Unternehmen noch viel zu tun.
Die neuen Waren werden schnellstmöglich auf die wartenden Pickups verteilt, inkl. der Gäste, und ab geht´s. Die Skopelits legt wieder ab. Kaum einer würdigt sie noch eines Blickes. Schnell austrinken, alles ist schnell vergessen, urplötzlich die Taverne To Kyma wieder leer. Ab zum Duschen. Die Insel scheint verlassen wie eh und je. Bis übermorgen, dann geht das Spektakel von vorn los.
Syros – Bummel durch Ermoúpolis
Syros, die große Unbekannte.
Schon x-mal bin ich mit den Fähren an ihr vorbeigefahren, nie hab ich sie je betreten, immer abgeschreckt von der großen Neorion Werft neben dem Anleger. Hier soll ich Urlaub machen? Diesmal muss es sein. Als fast letzte Kykladeninsel fehlt sie in meiner Sammlung. Wir kommen am Abend an. Zu spät, um sich noch ein Zimmer außerhalb am Strand zu suchen.
Also bleiben wir erst einmal in der Stadt. Das Hotel Paradise ist schnell erreicht, zentral, relativ günstig und auch sehr ruhig.
Sie meinen es gut mit uns, geben uns ein Zimmer mit Aussicht im 3 Stock.
Das heißt: Kofferschleppen (ohne Lift). Na ja. Aber super Blick.
Am nächsten Morgen gehen wir auf Entdeckungstour und sind überrascht: wir spüren die Stadt als erstes mit den Füßen. Die Gassen, die Marktstraße, die Plätze: alles ist mit Marmor gepflastert, sauber, edel. Kein stumpfer Asphalt. Wir beginnen zu schlurfen.
Ein angenehmes Gehgefühl. Wir schlendern durch die Marketstreet, vorbei an den üppigen Auslagen der Obst- und Gemüsehändler. Hier gibt es alles, was die Küche braucht. Fisch und Fleisch, Gewürze, Töpfe und Pfannen. Ein großes Warenhaus verteilt auf viele Geschäfte. Hier lässt es sich sicher gut leben. Die süßen Auslagen der Loukoúmia und Chlavadópittes- Läden passieren wir mit Scheuklappen.
Mittendrin: der Barbier von Ermoupolis. Ein freundlicher Herr, der auf meine Anfrage hin gelassen das Fotografieren erlaubt. Inmitten von unzähligen Messern, Scheren, Tiegeln und Pinseln bedient er seine Kunden, die schon in der Warteschleife sitzen und eher skeptisch dem Treiben zusehen. Eine lebendige größere Kleinstadt, griechisch, aber ohne jede Hektik, mit zufrieden wirkenden Menschen.
Die Kirche Kimísis Theotókou steht etwas versteckt in der 2. Reihe am Hafen, ein freundlicher Pope scheint auf uns gewartet zu haben. „El Greco?“ Ohne dass wir danach gefragt haben, weist er auf das Gemälde neben dem Eingang.
Es zeigt die Entschlafung Marias, gemalt vom jungen El Greco im 16. Jahrhundert.
Bewundernswert die Feinheit des Striches, die Farbgebung und der Detailreichtum.
Wir schlendern weiter zur Platia Miaoulis, größer als ich sie mir vorgestellt habe, mit dem imposanten Rathaus. Ehe hier der bittende Bürger eintritt muss er erst mal eine gewaltige Treppe hinauf. Das macht demütig. Der Eingang hätte genauso gut auch im Erdgeschoss liegen können, dort wo jetzt die schönen alten Cafés untergebracht sind. Aber so ist sie, die deutsche Architektur des 19. Jahrhunderts von Ernst Ziller, die den Bürger als Untertan sah.
Ein Blick in das Café zur Linken verleitet uns zum Frühstück, hier wird der griechische Kaffee noch in Messingkännchen mit Holzstiel serviert. (Man kann sie in der Marketstreet kaufen).
Weiter geht es vorbei am Apollon Theater, es hat Montags leider geschlossen, schade, ich hätte gerne einen Blick in die „Mailänder Scala der Kykladen“ geworfen.
Wir bummeln durch die Gassen und entscheiden uns dann für Ano Syros, dem linken der zwei Stadthügel. Hier ist Syros noch ursprünglich kykladisch. Ein breiter Treppenweg führt schweißtreibend hinauf, ab und zu steckt jemand neugierig die Nase zum Fenster raus, Besuch ist selten, alles muss hoch geschleppt werden.
Oben erreichen wir die katholische Bischofskirche Ágios Georgios, seltsam in Ockertönen gestrichen, der herrliche Blick über das Meer mit dem Turm des Kapuzinerklosters im Vordergrund entschädigt für die Mühen des Aufstiegs.
Am Abend mischen wir uns unter die Einheimischen in den Gassen der Altstadt hinter der Hafenfront (das Vakchos hat leider geschlossen), meiden die Touristenlokale östlich der Platia und essen vorzüglich in einer kleinen Taverne.
Am nächsten morgen geht´s ab nach Kini. Aber das ist eine andere Geschichte.
Die quirlige Inselatmosphäre der kleinen Hauptstadt hat uns gefangen.
Urlaub auf Syros
Nach dem Bummel durch die Hauptstadt Ermoúpolis, der lebendigen Inselmetropole, entscheiden wir uns für den Badeort Kíni als weiteren Standort an der Westseite der Insel.
Der ehemals kleine Fischerort ist jedoch größer und touristischer als wir dachten, die anvisierten Unterkünfte scheinen nicht das ruhige Flair mit Meeresblick zu vermitteln, das wir suchen. Die Uferstraße ist stark frequentiert und die Anzahl der Lokale weit höher als erwartet.
Also wagen wir einen Abstecher über den Hügel zum nächsten Strand und werden fündig. Die nächste Bucht liegt wesentlich ruhiger, nur an den Wochenenden soll es etwas lebhafter werden, ein paar Griechen baden vor der inzwischen geöffneten Strandbar, weiter hinten gibt es sogar FKK.
Es gibt Rooms, die Zimmer haben eine gute Lage, alles scheint leer, ein älterer Herr kommt plötzlich in seinem uralt-Lieferwagen angerauscht, sieht aus wie der Handwerker, ist aber der freundliche Besitzer.
Ihm gehört praktisch die ganze Bucht: die Apartments, die Strandbar und eine Strand - Taverne.
Wir haben die freie Auswahl und entscheiden uns für ein Zimmer mit herrlichem Balkon, Blick über die Bucht, sehr ruhig gelegen.
Am Abend gehen wir über den Hügel die zwei Kilometer nach Kini, essen sehr gut in Iannis Restaurant (dem Neffen unseres Wirtes, wie sich herausstellt), der auch mit seiner netten Frau die Strandtaverne in unserer Bucht betreibt, und freuen uns über Leckereien wie „Großmutters Säckchen" (Lammfleisch mit Schafskäse und Gemüse im Teigmantel), „Kebab in Joghurtsauce“ und andere für uns neue Gerichte. Es wird unser Stammlokal.
Unser Standort hat noch einen besonderen Vorteil: von hier aus erreichen wir auf einer wunderschönen kleinen Wanderung durch Thymianfelder hoch über dem Meer den nächsten Traumstrand „Varvaroússa“, menschenleer, weißer Sand, türkisfarbenen Wasser.
Gerade die richtige Entfernung, um für weitere Strecken Kraft aufzubauen, die wir auch dringend brauchen werden.
Denn ein Ausflug in den „wilden“ Norden führt uns – per Mietauto – über den Pírgos, bis nach Michális, von wo wir den Weg nach Lía nehmen. Natur pur.
Syros entpuppt sich für uns als ein perfekter Mix aus städtischer Lebendigkeit und ländlicher Ruhe, mit Raum für ausgedehnte Wanderungen und herrlichen Badestränden.
All exclusive nach Griechenland
Es ist ein ganz bestimmtes Gefühl, das mich jedes Jahr nach Griechenland zieht.
Es ist das Leben im Hier und Jetzt, das die Griechen – wie die Kinder - noch gut beherrschen und uns vermitteln, einfach ansteckend. Vielleicht gibt es das noch anderswo, aber auf jeden Fall ist es in-greece so.
Sobald ich auf den Kykladen bin, ist es mir unmöglich, mich mit Gestern und Morgen zu beschäftigen, ganz anders als in Spanien, Italien oder anderen mediterranen Ländern, wo mir das nicht gelingt.
Es ist, als ob ich in einer Blase lebe, geschützt für eine gewisse Zeit.
Mein Budget für diese Dauer kann ich mittlerweile gut einschätzen, obwohl auch hier alles teurer wird.
Ich weiß, wie viel ich brauche und auch die kleinen Inseln, die ich besuche, haben meist schon einen Geldautomaten und sind noch relativ preiswert.
Mit diesem Background fühle ich mich frei, muss auf nichts verzichten, kann essen und trinken was ich möchte, suche mir eine nette Bleibe. Luxusartikel und Shopping-Meilen gibt es eh nicht.
Ich wähle den Standort und die Insel nach Lust und Laune, wie der Meltemi mich treibt.
Dabei werfe ich oft die zu Hause gemachten Pläne über den Haufen, nie habe ich es je bereut. Dort wo man zur Zeit ist, ist es gut. Es gibt kein: „wäre ich doch besser hier oder dort…“
Nichts ist einengender für mich, als in einer geschlossenen Hotelanlage All inclusive mit Bändchen um das Handgelenk – als Insasse zu gelten.
Ich käme mir vor wie in einer geschlossenen Anstalt bei Vollverpflegung mit Handfessel, trotz höchstem Komfort.
Und die Vorstellung, um 6 Uhr früh am Livadi oder Kentros Beach eine Liege mit meinem Handtuch zu reservieren, ist eher grotesk.
So ist für mich ist ganz Griechenland ein All inclusive Club, die Inseln der Kykladen speziell sehr exklusiv. Für eine Weile. Bis zum nächsten Mal.
Höllentrip auf Anafi
Noch bis vor kurzem war Anafi ein gutes Versteck für zivilisationsmüde Freaks.
Die Insel ist rauh, nicht lieblich, nicht für Touristen gemacht.
Trotzdem werden mehr und mehr Urlauber von Santorin kommend auf die Insel gespült, das Publikum ist international, nicht pauschal.
Zur restlichen Kykladenwelt hielten die Bewohner von Anafi immer Distanz, schufen sogar ihr eigenes Dorf in Athen, „Anafiótika“ am Rande der Plaka.
Anafi, das ist außerhalb. Da wundert es mich schon nicht mehr, dass der Catamaran bei unserer Ankunft nicht anlegt, wir werden ausgebootet wie vor 30 Jahren.
Der Kapitän weigert sich offensichtlich, am Kai anzulegen. Wer weiß warum…
Am Hafen werden wir aufgegriffen, „Rooms?“. Mit dem Pickup geht es hoch zur Chora. Von Folegandros kommend erwartet uns hier ein ganz anderes Bild. Keine Puppenstube, Kykladenarchitektur von archaischem Design, die dem Zweck folgt, nicht der Schönheit. Stromleitungen beherrschen den Himmel, der Wind pfeift durch die Gassen.
Eselsdreck liegt auf der Straße, Maultiere sind hier noch wichtige Transportmittel, zum Wochenende wird gekehrt.
Wir landen in einem ehemaligen Gehöft, heute natürlich umgebaut, einfach aber sauber.
Blick auf den Backofen der Familie.
Hier hat sich nicht viel geändert. Statt der Tiere werden jetzt die Touristen gemolken.
Pech gehabt, es gibt sicher schönerer und komfortablere Unterkünfte in der Chora von Anafi.
Die Strände an der Südküste sind traumhaft, auch im Juni noch menschenleer, bis auf ein paar Althippies - fast schon unheimlich als wir im Hinterland ein verendetes Rind finden.
Aber die Insel ist herrlich, wunderbar zum Baden und Wandern.
Am Abend in der Chora kommt es wieder, das ursprüngliche Griechenland-Feeling, im To Steki zwischen Einheimischen und Popen sitzend ist die restliche Welt weiter weg als irgendwo sonst auf den Kykladen.
Die Tage vergehen, die Zeit verfliegt.
Wir nehmen Abschied, bezahlen das Zimmer. Die Fähre soll um vier Uhr in der Früh gehen. Unser Wirt bietet sich an, uns zum Hafen zu bringen, wir waren schon auf einen Fußmarsch eingestellt.
Also mitten in der Nacht aufstehen, Sachen zusammenpacken und auf unseren Fahrer warten. Und warten. Und warten. Schon sehe ich die Fähre am Horizont kommen, ich klopfe an seine Tür, wecke ihn aus dem Schlaf.
Augen reiben, Hose an und ab in den Pickup. Wir sitzen mit unserem Gepäck auf der Ladefläche, Ladeklappe hinten geöffnet. Aber jetzt geht es nicht zum Hafen, erst fährt er zu seinem Schuppen, in dem sein Fang vom Vortag zwischenlagert. Eine Kiste mit kleinen Fischen auf Eis und eine Kiste mit zwei riesigen Langusten für die Hotels in Santorin. Die Fähre kommt immer näher.
Kisten auf die Ladefläche und der Höllentrip beginnt.
Irgendwie war das Angebot für die Fahrt doch nicht so selbstlos wie wir dachten.
Wir klammern uns an die Seiten, schon in der ersten Kurve kippt die Kiste mit den Lobstern um. Die Viecher krabbeln umher, suchen den Weg in die Freiheit.
Die Fahrt wird immer schneller, wir werden durchgeschüttelt.
Eine gewisse Verantwortung hat man ja doch, wenn man kostenlos mitgenommen wird. Also beginnt die Lobsterjagd, ich halte mich mit den Händen am Wagen fest und erwische die Tiere mit den Füßen. Unter dem rechten Fuß einen Lobster, unter dem linken Fuß einen Lobster. Hoffentlich überleben die das. Und wir.
Wir schaffen es so gerade. Beim Ablegen der Fähre springen wir auf die Ladefläche, die sich schon langsam hebt, die Kisten werden hinterher geworfen. Der Zettel daran klärt, wessen Hotelgäste sich darauf freuen können.
Das war knapp.
Ich meine, die Langusten hätten sich sogar noch ein bisschen bewegt.
Auf Abwegen
Das Wandern auf den Kykladen will gelernt sein. Zumindest wenn man vorhat, mehr als den Weg von der Taverne zum Strand zurückzulegen.
Stellt euch vor, ihr möchtet zum Beispiel die Insel umrunden, bei vielen kleinen Inseln ist das kein Problem. Der Weg ist am Anfang recht gut markiert, rote Punkte, alter Eselspfad. Ihr macht euch auf den Weg, habt Wasser und Proviant dabei, feste Schuhe, Karte eingesteckt, das Wetter ist gut, ihr geht nicht allein.
Die grobe Pflasterung mit den alten Feldsteinen tut euren Füßen gut.
Hinter dem Ort seht ihr plötzlich vor euch einen Bauern auf einem Esel,
aha, er kennt den Weg. Also hinterher. Die Richtung müsste stimmen, die roten Punkte werden weniger. So geht es in die griechische Landschaft, Natur pur. Plötzlich ist der Mann auf dem Esel vor euch nicht mehr zu sehen, irgendwo abgebogen, oder das Muli hat einen Zahn zugelegt.
Auch ist der Monopáti zwischen den Dornen und dem Thymian kaum mehr zu erkennen. Der Weg ist weg, alles sieht gleich aus. Das, was der Weg sein sollte ist eigentlich nur vom letzten Winterregen frei gespülte Erde, versiegte Bachläufe.
Irgendwie sah der Weg aber genauso aus, aber wo ist er? Plötzlich steht ihr einsam und verlassen mitten in der Landschaft, links das Meer, rechts die Berge, kein Haus und kein Mensch sonst weit und breit. Das Dornengestrüpp hinterlässt die ersten Spuren an den Beinen. Irgendwo muss der Weg doch sein! Also zurück. Aber wohin? Mehr nach oben, mehr nach unten? Scheiße.
Die Sonne brennt, euer Trinkvorrat wird weniger.
Theoretisch denkst du: kein Problem, stolpern wir eben querfeldein über die Dornen immer oberhalb des Meeres in die richtige Richtung, die Insel ist ja klein. Also los.
Bei der ersten steilen Bucht kommen dir Zweifel, oben herum oder unten bleiben?
Ein bis zwei Stunden gehen dabei drauf.
Na ja, zum Glück hast du ja dein Handy mit der Telefonnummer deines Zimmervermieters dabei. Aber den jetzt anrufen? Und der fragt bestimmt, wo genau du jetzt bist. Das weißt du ja selbst nicht. Grrr…
Langsam werden die Schatten immer länger, das Abendlicht verändert die Landschaft noch einmal. Sind wir hier nicht schon gewesen? Sieht alles gleich aus. Heimlich stellst du dir schon mal eine provisorische Übernachtung mitten in der Landschaft vor, denn am nächsten Morgen findest du den richtigen Weg bestimmt. Mulmiges Gefühl, reichen die paar Kekse und das Wasser?
Es muss eine neue Taktik her, macht keinen Sinn, planlos umherzuirren.
Also bleibt einer im Basislager, der andere ist Späher.
50 m nach oben: „hier ist nix!“ 50 m nach unten: „Hier auch nicht.“
Plötzlich, 80 m schräg voraus: die ersten Ziegenköttel. „Hier muss mal ´ne Ziege gegangen sein.“ Dann die erste leere Schrotpatrone, blaues Plastik mit Metallhülse.
Die erste weggeworfene Karelia. „Eselspfad!“ schließt du messerscharf.
Wieso war der so nah und nicht zu sehen????
Gerettet! Ab jetzt achtest du darauf, wo du hintrittst, irgendwie geben dir Eselsdreck und leere Zigarettenschachteln ein ganz neues Gefühl der Sicherheit.
Und im Abendlicht noch weit vor dem Ort kommt euch die alte Ziegenhirtin entgegen, in ihren Schläppchen läuft sie den kürzesten Weg über Stock und Stein, die Ziegen immer brav hinterher.
„Kalispera“ ruft sie euch zu, du fragst sie sicherheitshalber noch mal nach dem Weg, sie streckt den Arm aus und zeigt querfeldein. Na ja, das lassen wir lieber.
Trotzdem: „Kalinichta“. Für heute reicht´s.
Begegnung auf Kea
„Thélo stin Kea…“ stammele ich der Ticket-Lady in ihrer Holzbude am Anleger vor.
Zwei Kilometer sind wir mit Gepäck von Lavrion zum Hafen gelaufen, haben im Ort den Nachmittag des Anreisetags verdöst.
Das Telefon der Lady klingelt. „Oriste?...“ Es wird ein längeres Gespräch.
Werde mich noch mehrmals wundern, wie lange man sich über Tickets von Lavrion nach Kea und zurück auslassen kann. Die Fahrt ist meist kürzer als der Deal. Ich störe.
Sie hat ein Auge für mich: „Come later again!“
Ich ziehe die Augenbrauen hoch, werfe leicht den Kopf in den Nacken und sage nur „Òchi.“
Das wirkt.
Besser mal nachfragen, wie das Schiff heißt. “Makedon!”
Wie? Makedon? Wochenlang hab ich GTP.gr gewälzt. Immer war es die Myrina. Und jetzt Makedon. Wenn das man stimmt.
Es stimmt. Pünktlich um 18:00 wird die Laderampe hochgezogen.
Doch dann: Polizei rauscht an, Blaulicht am Kai. Getuschel mit der Mannschaft. Kommando zurück.
Wir legen wieder an.
Offensichtlich wird noch ein Obermufti erwartet, wichtig, wichtig.
Alle Mann erst mal eine rauchen. Denn jedes Warten bedeutet gewonnene Zeit.
Nach einer dreiviertel Stunde: tiléfono. Entwarnung, er kommt doch nicht. Wir legen endlich ab.
Kea empfängt uns mit griechischer Betriebsamkeit, ausländische Touristes sind nur wir. Es wird dunkel und wir bleiben erstmal im Hafenort Korissía.
Das Karthea hat noch ein Zimmer frei, mit Blick auf den Hafen, für eine Nacht.
Der Schlüssel vom Mietauto am nächsten Morgen klemmt im Lenkradschloss. Ich zieh in ab uns steck ihn in die Hosentasche. Wohin denn sonst.
Nur hatte leider der Bäcker, der uns den uralten Suzuki vermietet, den Schlüssel vorher mit Caramba eingesprüht, diesem wunderschönen Graphit-Öl Gemisch.
So ist meine helle Hose am ersten Urlaubstag hinüber. Das sind die griechischen Momente im Leben.
Wir fahren raus aufs Land, besuchen Ioulis, den Hauptort, reiten den Löwen und sind überrascht von der für die Kykladen verhältnismäßig grünen Landschaft,
machen Rast unterm Olivenbaum und genießen unsere Hirtenmalzeit: Papadopoulos-Kekse, die mit der Schokolade sind die Besten.
Es ist Donnerstag, tote Hose auf Kea. Wir klappern die Küste ab, Pisses, Koúndouros, und suchen eigentlich nach Mano´s Taverne, im Reiseführer beschrieben als nette Unterkunft mit Meerblick, geführt vom freundlichen Besitzer.
Aber das Haus ist geschlossen, verrammelt. Und gepflegt sieht es hier auch nicht gerade aus.
Viel Auswahl bleibt da nicht mehr, wir sind umzingelt von den Wochenendhäusern der Athener.
Versuchen wir unser Glück im St. Georges Bungalows, das schein geöffnet zu sein.
50 Euro im Juni, für Tisch, Bett, Stuhl. Ein stolzer Preis. Und natürlich Kühlschrank und Fernseher. Aber ohne Küchenzeile. Von außen nicht gerade ein Prachtbau, aber von der Terrasse haben wir einen wunderschönen Ausblick mit Sonnenuntergang über dem Meer und erleben herrlich ruhige Tage und Nächte. Die Dame des Hauses ist eine Seele von Mensch, hat Zeit für einen Plausch, denn das Haus steht in der Woche fast leer.
In der Taverne, die dazugehört, sind wir die einzigen Gäste. Der Wirt kocht selbst. Und wie!
Wir merken, die Athener, die für das Wochenende erwartet werden, scheinen anspruchsvoll zu sein.
Er kocht so gut, dass wir während unseres gesamten Kea-Aufenthalts kein anderes Restaurant ausprobieren (außer dem Lagoudera im Hafen, auch sehr gut!). So haben wir innerhalb der Woche unseren freundlichen Privatkoch, der froh ist, zu tun zu haben, und der sich am Wochenende plötzlich für die Athener in seine blütenweiße Kochmontur schmeißt.
Und sie kommen. Die Sommerhäuser erwachen zum Leben, die St. George Bungalows sind voll, das Restaurant gut besucht.
Wir machen unsere Ausflüge in die Umgebung, baden bei Kambí und verbringen herrliche Tage auf Kea. Das Ticket weiter nach Kithnos wird wieder ein längerer Deal. GTP.gr ist scheinbar bis Kea noch nicht vorgedrungen. Und hinter Kea hört hier die griechische Inselwelt auf.
Zum Abschied ist „unser“ Koch nicht da. Einkäufe in Lavrion.
Doch mit der einlaufenden Fähre, die wir entern, kommt er von Bord, winkt uns zu, als wollte er sagen: Bleibt doch! Woanders ist es auch nicht schöner. Und auch nicht leckerer.
Womit er Recht behalten sollte.
Oasen der Stille auf Naxos
Drei Orte haben mir dieses Mal auf Naxos besonders gefallen, Orte die Ruhe ausstrahlen und auch leicht aufzusuchen sind.
Da ist zum einen die kleine Höhlenkapelle Agios Ioannis Theologos. Sie liegt etwas unterhalb vom Kloster Moní Chrisostómos oberhalb von Naxos Stadt. An der Straße nach Engares kommt bald ein Abzweig nach rechts, du siehst das Kloster schon oben am Hang. Kurz vor dem Kloster zweigt ein Pfad zum Kirchlein ab, das sich malerisch an den Felsen schmiegt.
Von hier oben hast du einen herrlichen Ausblick auf Naxos Stadt, das Tempeltor und den Hafen, zum Greifen nah.
Die kleine Kirche ist über ein paar Stufen erreichbar, die Tür ist offen. Du wunderst dich, wie klein der Innenraum ist, halb in den Fels gebaut, ausgeschmückt mit herrlich bunten Heiligenbildern, hinter einem Vorhang verbirgt sich ein Altar. Eine leere Ouzoflasche hält die Kerze.
Stöbere ein wenig in dem Gästebuch und trage dich ein (vom 22.06.07 müsste mein Eintrag zu finden sein), und genieße die Stille und den heiligen Ort.
Der zweite Ort der Stille ist das verlassene Jesuitenkloster Kalamitsia. Ein kleiner Fußweg vom Ort Mélanes ist in zwanzig Minuten passiert.
Die große Anlage überrascht durch ihre Lage und die gut erhaltenen Tonnengewölbe der einzelnen Räume. Fünf mal zehn Meter misst das Refektorium, der Fußboden ist noch erhalten und du kannst dir gut vorstellen, wie sich das Leben der Mönche hier abgespielt hat. Der Blick durch die Fenster schweift über ein fruchtbares Tal, die Lage ist einzigartig. Im Untergeschoss findest du weitere Räume, eine Quelle, einen Opferstein, etwas gruselig.
Das Kloster Fotodótis aus dem 15. Jh. erreichst du als dritten Ort mühelos von der Kapelle Agia Marina aus, die hinter Filoti liegt (an der Straße nach Danakós). Gegenüber der Kapelle beginnt ein ebener Schotterpfad, ohne Aufstieg erreichst du in einer halben Stunde (nachdem ein paar Ziegengatter passiert wurden, vorbei an Eichenbäumen) das markante Kloster, das mächtig in der Landschaft thront. Es wurde renoviert, 937.000,- Euro EU-Gelder wurden verbaut, trotzdem ist es geschlossen, nur von außen zu besichtigen.
Hinter dem imposanten Bau geht ein gepflasterter Eselspfad ab, er ist einer der schönsten Treppenwege der Kykladen überhaupt. Hinunter bis zum abgelegenen Danakós führt er in einigen Windungen und du landest auf der Straße kurz vor dem Ort. Der alte Weg zurück durch Danakós und die Schlucht zur Kapelle Agia Marina ist sehr schwer zu finden, wir landeten im Gestrüpp unter Schlangen und haben abgebrochen.
Drei Orte, sicherlich nicht an einem Tag zu schaffen, aber auf jeden Fall bieten sie eine schöne Abwechselung zum Strandurlaub auf Naxos.
Der Koúros von Apóllonas
„Sie finden den fast 3000 Jahre alten Jüngling…“ zitiere ich den Reiseführer.
Ganz schön alt. Wie alt müssen dann erst die alten Griechen geworden sein?
Naxos, erst mal ausschlafen.
Dann ausgiebig frühstücken, wir hängen in den blauen Segeltuchstühlen am Hafen. Es wird Mittag.
„Was machen wir heute?“
„Agia Anna, Baden.“
„Schon wieder? Nicht was angucken? Der Koúros von Apóllonas soll doch…“
„O.K., o.k.“
Ich frage den Busfahrer: "Wann geht der nächste Bus nach Apóllonas?" Hört sich an wie: "Ich möchte diesen Teppich nicht kaufen!"
Er antwortet nur "endáxi" - is scho rrecht.
Wir steigen ein, schon geht´s los.
Erstes Dorf, zweites Dorf, Filóti – sehr schön. Tolle Landschaft, ein Traum.
Erste Kurve, zweite Kurve, stundenlang. Ich schau mal auf die Karte: na ja, ca. 55 km. Das muss doch zu machen sein.
Nach über 2 Stunden endlich angekommen.
Erst mal fragen, wann der letzte Bus heute zurück geht. „In 30 minutes“ meint der Busfahrer.
Cool…
Wir rauf zum steinernen Jüngling. Die Größe ist beeindruckend. Foto links, Foto rechts, und wieder in den Bus. Wieder 2 Stunden Achterbahn.
Mann, sind wir blöd. Beim nächsten Mal werd ich die Bibel vorher richtig lesen.
Drei mörder – Adressen auf Naxos
1. Es ist wie fast überall in Griechenlands Tavernen: die Mädels schuften in der Küche und die Kerle stehen am Grill.
So jedenfalls im „Paradisos“ am Agia Anna Strand auf Naxos.
Der Chef steht hinter seiner Fleisch- und Fischtheke, bedient den Grill und nimmt die Bestellungen auf. Ein schweißtreibender Job. Ich vermute, der eine oder andere Schweißtropfen würzt auch den Grill, alles wird frisch zubereitet, das macht den Geschmack aus.
Die Auslage ist gut gefüllt, diverse Fische, Souvlaki-Spieße, Steaks, Bifteki aus Rinderhack.
Man kennt das ja vom Einkaufen zu Hause: was im Laden ziemlich klein wirkt, ist in der Pfanne plötzlich eine Nummer zu groß. Ich glaube, es liegt an dem komisch verzerrenden Frontglas der Theke.
Ich jedenfalls nehme das Bifteki, und es kommt auch prompt.
Nun gibt es ja westfälische Bauernhöfe in der Gastronomie, die damit werben, Schnitzel so groß wie Klodeckel zu braten.
So groß ist mein Bifteki zwar nicht ganz, aber hat schon was von Tischtennisschlägergröße, nur doppelt so dick, weil lecker mit Schafskäse und Allerlei gefüllt. Für mich ist es jedenfalls nicht zu schaffen.
Ein echtes mörder-Bifteki, saulecker im „Paradisos“.
2. Man mag über die Hafenstraße, die Paralía denken was man will, fast jeder landet hier an. Und hat erstmal Hunger. Das Angebot an Restaurants ist riesig, die Auswahl fällt nicht leicht.
Wer auf der Suche nach den echten guten Naxos-Kartoffeln ist, diesen riesigen Knollen mit dem noch kartoffeligen Geschmack, dem kann ich das „Lotto“, ziemlich in der Mitte an der Paralía gelegen, empfehlen.
Hier gibt es sie, frisch verarbeitet als leckere Pommes frites zu fast jedem Gericht.
Probiert zum Beispiel mal ein Omelette mit Fritten und Salat. Einfach lecker. Einzelne Fritten von zehn Zentimeter Länge und mehr, aus frischen Naxos Kartoffeln.
Aus echten mörder-Kartoffeln eben, im „Lotto“.
3. Das für mich beste Restaurant auf Naxos ist das „Axiotissa“ an der Straße nach Pirgáki, ca. 15 km außerhalb von Naxos Stadt auf der linken Seite (nicht nach Kastráki abbiegen!). Sieht etwas feiner aus, ist aber ganz normal, bis auf die super Menüauswahl, den schnellen Service und die edel gemachte Speisenkarte auf englisch oder griechisch.
Hier bekommt ihr die ursprünglichen griechischen Gerichte mit Fleisch und Fisch, diverse Pürees, Salate mit Brot-Unterlage, alles frisch zubereitet mit Produkten von der Insel. Gar nicht mal viel teurer als die Tavernen in Naxos und Umgebung. Immer einen Ausflug wert.
Einfach mörder-lecker, im „Axiotissa“.
Wandern auf Schinoussa?
Schinoussa, die Sanfte. Kaum eine Insel eignet sich besser für ausgedehnte Spaziergänge, leichte Wanderungen durch die hügelige Landschaft und erholsame Badetage.
Ich sitze bei Grispos am Tsigouri Beach auf der Terrasse, schau hinüber nach Iraklia, wo sich die Kumuluswolken über dem Papas bilden während hier auf dem flachen Schinoussa die Sonne lacht, blicke über die Palmen aufs Meer hinaus und fühle mich ein wenig wie in der Karibik. Gleich gehen wir in den Ort hinauf, zum Sonnenuntergang, wo die Sonne genau die Hauptgasse entlang scheint und alles in ein sagenhaftes gelbes Licht taucht und freuen uns auf das leckere Essen bei Pothiti.
Die kleine Wanderung heute hinauf zur alten Mühle war nicht anstrengend, aber schön. Die ganze Insel lag vor uns wie Lummerland, wir suchten uns einen einsamen Strand, „Zweimannbucht“ wie ich immer sage, hüllenlos. Lioliou, Bazeau, Almiros oder wie sie nicht alle heißen.
Anders als ihre Schwestern Iraklia und Donoussa ist Schinoussa nicht bergig, hat viele Strände und einen netten Hauptort mit griechischem Flair. Von hier aus kann man die Insel erkunden, geht auf Staubwegen die einzelnen Strände ab, die Aussichten sind ein Dorado für Landschaftsfotografen.
Die früher mehr vorhandenen Esel sind den Pickups gewichen, man findet sie kaum noch auf Schinoussa. Also muss man die Staubpisten mit den neuen Gefährten teilen.
Schon bald erkennt man, wer am Steuer sitzt:
die Einheimischen, sehr rücksichtsvoll, verlangsamen die Fahrt, bleiben oft auch stehen, bis man vorübergegangen ist, um die Staubfahne zu vermeiden. Nicht selten wird man gefragt, ob man ein Stück mitfahren will. Die neu zugezogenen Griechen mit ihren Ferienhäusern und den nagelneuen SUV´s dagegen (gerne in schwarz mit getönten Scheiben) brettern an dir vorbei und lassen dich Staub schlucken ohne Ende. Nach dem Motto: die Straßen werden früher oder später ehe alle von der EU geteert. Warum also warten?
Trotzdem ist Schinoussa ein urgriechisches Erlebnis, zum Beispiel der Supermarkt von Nikos Kovaios mit seinen ausgestopften Krokodilen oder die Taverne To Kentro. Hier ist die Zeit stehen geblieben.
Mittlerweile haben schon mehrere Tavernen im Juni geöffnet: die Taverne direkt am Hafen, dann Grispos am Tsigouri Strand, an der Hauptgasse Pothiti, Margarita und Meltemi.
Wer lange Spaziergänge liebt, nicht so gerne Berge besteigt, kleine einsame Buchten zum Baden mag und wenig Trubel sucht, der ist auf Schinoussa gerade richtig.
Choriátiki á la „chic“
Griechischer Bauernsalat mit gebackenen Zucchini.
Der Choriátiki ist das Standardgericht in jeder Taverne, zumindest auf den Kykladen.
Das können sogar Männer „kochen“:
Man nehme pro Person einen tiefen Teller und fülle die Teller jeweils mit:
2 bis 3 kleine Tomaten, in Stücke schneiden (vierteln und dann noch mal quer teilen, keine „Spalten“).
Ca. 5 cm von der Salatgurke, schälen, in ca. 1 cm Scheiben schneiden, diese vierteln.
Dann salzen und pfeffern.
Ein paar Zwiebelringe (rote) dazugeben, dann
ein paar sehr dünne Streifen von grüner Paprika (braucht merkwürdiger Weise nicht geschält zu werden, Schälen schadet aber nicht).
Einen Teelöffel oder mehr Kapern aus dem Glas (die Salzlake bitte auswaschen),
4 bis 5 schwarze Oliven (mit Kern) am besten aus Kalamata, keinesfalls „gefärbte“.
1 Scheibe Schafskäse – oder 2 Esslöffel weichen Schafskäse (in Griechenland in den meisten Tavernen als „Local Soft Cheese“ zu bekommen, absolut empfehlenswert).
Getrockneten Thymian über den Käse und den Salat streuen.
Zum Schluss: Olivenöl über den Käse und Salat fließen lassen (mind. 4 EL). Keinen Essig, nur Öl verwenden.
Die Zucchini längs in dünne Scheiben schneiden, salzen und pfeffern, panieren und in der Pfanne in heißem Öl kurz ausbacken, bis die Panade braun wird.
Dazu reichlich Brot und Tsatsíki servieren.
Mit Milch und Zucker?
Griechenland, ein Land mit großer Kaffeetradition, hat seit langem den Nescafé für sich und seine Touristen entdeckt. Einfach in der Handhabung, gut in der Gewinnspanne, schnell in der Zubereitung.
Aber was so einfach aussieht, hat speziell in greece so seine Tücken, besonders in den etwas abseits gelegenen Tavernen, die wir gerne besuchen.
Zum Frühstück bestellen wir uns zwei Nescafé. Alles klar.
Nach ein paar Minuten kommt der Wirt zurück, die ersten Probleme:
„Nescafé hot or Frappé?“
Natürlich heiß, ist ja noch früher Morgen.
„Sugar, Milk?“
„One only with milk, without sugar, one with sugar, black, please.“
“Yes, two with… sugar?”
“No, one no sugar, only milk, one with sugar, black.” Mein Englisch wird auch immer schlechter.
Ich versuche es auf Griechisch:
„ena me gála, ena me sáchari.“
“O.k.”
Na, gerettet. Der Kaffee kommt, Schaum obendrauf, welcher ist welcher?
Also abschmecken.
„Dieser ist süß, muss deiner sein.“
„Der hier ist auch süß, aber mit Milch unterm Schaum“.
Ansonsten ist der Kaffee gut, am nächsten Morgen gehen wir wieder in die Taverne, gleicher Tisch.
Wieder das Spiel mit dem Kaffee. In der ganzen Woche, in der wir da sind, wird es uns nicht einmal gelingen, den Kaffee so zu bekommen, wie wir ihn haben wollen.
Wir überlegen uns einen Trick: Beim griechischen Kaffee geht das doch auch: glikó, métrio, skéto.
Also bestellen wir beim nächsten mal: „Dío Nescafé, skéto.“ Also schwarz, ohne alles.
„Nescafé skéto?“ Die Touristen werden auch immer bekloppter.
Aber er versteht, was gemeint ist.
Natürlich haben wir inzwischen Zucker und Milch in kleinen Dosen selbst dabei, das Reisegepäck wächst und wächst.
Na bitte, geht doch.
Missverständnis auf Amorgos
Es war Anfang der 80-er Jahre, als ich erstmals in die Chora von Amorgos kam. Damals erinnerte mich die Insel schon ein wenig an Lummerland. Ein Bus, eine Straße.
Viel mehr war da nicht, selbst die Verbindungsstraße nach Ägiali war noch nicht gebaut,„The Big Blue“ hatte Amorgos noch nicht entdeckt.
Der alte Dodge-Bus, der bei Ankunft eines jeden Schiffes von Chora nach Katapola (und zurück) fuhr, wurde sicher geführt vom einzigen Busfahrer, der damals auch schon mal von nervösen Touristen mitten in der Nacht aus dem Schlaf geholt wurde, weil sie Angst hatten, ihr Schiff zu verpassen.
Den alten Bus hab ich Jahre später auf dem Schrottplatz wieder gefunden. Heute habe ich einen Teil des Dogde-Emblems bei mir zu Hause.
Unser bevorzugtes Domizil war die Pension „Kastanis“, den Wirt Elias besuche ich heute noch. Seine Kinder, die mir damals beim Spielen aus Jux das Wasser abdrehten und ich so tagelang auf dem Trockenen saß – man wusste ja, die Wasserknappheit auf Amorgos, da geht das Wasser schon mal zur Neige – seine Kinder sind groß geworden, leiten heute die Pension und holen die Gäste mit dem Auto von der Fähre ab.
Dieses Jahr hatte die Tochter schon ein Baby auf dem Arm.
Oben angekommen treffe ich ihn, beglückwünsche ihn zu seinem ersten Enkelkind. Er schaut mich an und sagt stolz: „Yes, my daughter!“
Beim Abschied bringt uns die Tochter wieder zur Fähre. Ich wünsche ihr viel Glück mit ihrer kleinen Tochter.
Sie meint nur verwundert: „My daughter? No no, the baby is my little sister!”
Oh, Elia, da hab ich wohl etwas missverstanden.
I Orea Iraklia
Es dauert schon seine Zeit. Gut eine Stunde schippert die Express Skopelitis - von Naxos kommend - an den Stränden Agia Anna, Plaka, Glyfada vorbei, bis sie den Schlenker rüber nach Iraklia macht.
Hier in der Meerenge zwischen Naxos, Schinoussa und Iraklia kannst du sie sehen - mit einiger Sicherheit - die Delfine der Ägäis. Wenn du Glück hast springen sie vor dem Bug auf und zeigen ihr Können, als wären sie das Empfangskommitee von Iraklia.
Viel ist nicht los, wenn die Skopelitis anlegt. Der Sohn unserer Wirtin macht wie gewohnt den Hafenmeister, sie umarmt uns herzlich und begleitet uns in ihre Pension. Ihr Mann hat umgebaut, das Restaurant wurde zu Studios, sie betreibt seit einigen Jahren einen richtigen Supermarkt oberhalb des Perigiali.
Wir merken, wir waren schon lange Jahre nicht mehr hier. Welch ein Fortschritt! So gibt es im Hafenort Agios Georgios neben der Melissa, in der du außer den Boot-Tickets auch die Dinge des täglichen Bedarfs findest, also noch ein Geschäft! Und Restaurants!
Dimitri´s Place "To Pevkos" hat neue Besitzer. Der gute alte Schiffskoch ist wohl in Rente und vertreibt sich die Zeit in der Melissa. Er hatte das legendäre Restaurant mit dem großen Baum, auf dem Thomás - sein Hund - seinen Lieblingsplatz hatte, wenn er nicht gerade hinter den Ziegen her war. Gegenüber liegt das Restaurant Maistrali, jetzt unsere erste Wahl. Freundlicher Service, gute Küche und der Blick über den Hafenort. So lässt sich´s leben. Zur Abwechslung gehst du am nächsten Abend ins Perigiali. Und über dem Hafen haben junge Leute noch eine Taverne aufgemacht, ideal für den Absacker.
Aber trink nicht zuviel, denn vielleicht geht´s am nächsten Morgen auf zur Johannishöhle. Auf einer wunderschönen Wanderung (mittlerweile durch rote Markierungen gekennzeichnet) gehst du an der Melissa vorbei hinauf in die Berge - und wieder hinunter, bis du die kleine Glocke erkennst, die den Eingang zur Höhle markiert. Auf allen Vieren kriechst du hinein, die Taschenlampe im Mund, es ist stockdunkel. Innen gewöhnst du dich langsam an die Dunkelheit und erkennst im Schein der Lampe einen kleinen improvisierten Altar. Hier feiern die Iraklier am 29. August ihr Johannisfest. Weiter hinein traust du dich nicht, die Höhle soll weit bis nach Ios reichen. Schnell wieder hinaus ins blendende Tageslicht.
Iss zur Stärkung ruhig noch einen Apfel, dann aber los, bevor es dunkel wird. Über den alten Hauptort Panagia erreichst du die Livadi-Bucht mit ihrem weißen Sandstrand und dem türkisfarbenen Meer, ideal für ein erfrischendes Bad im Abendlicht nach der anstrengenden Wanderung.
Ja, es existiert noch das alte Iraklia - wie vor vielen Jahren - es hat nichts von seinem Reiz verloren.
Folégandros im Juni 2006
Ja, Folégandros hat sich sehr verändert, die Unterkünfte sind viel größer und komfortabler geworden. Schau dir zum Beispiel mal das Hotel Odysseus an, in den neuen Zimmern hast du den besten Ausblick über die Insel und das Meer, und einen Pool gibt es jetzt auch.
Die Landschaft hat sich nicht verändert, auch die Menschen und ihre Tavernen nicht.
Immer noch toll, im I Pounta im schattigen Garten zu sitzen und den kleinen Katzen zuzuschauen, Choriatiki serviert auf den schönen selbstgemachten Keramiken von der Wirtin dazu, mit den wackeligen alten Stühlen, die echte Freaks früher schon mal auf ihren Rucksack geschnallt und mit nach Hause genommen haben.
Zum Sonnenuntergang gehen wir die Serpentinen zur Panagia-Kirche hoch, ein atemberaubender Ausblick, die kleine Mühe lohnt sich wirklich.
Danach geht´s auf die schönen Plätze mit ihren Tavernen, der Wirt in der Melissa (hat immer "Rabbit" auf seiner Schiefertafel-Karte, aber nie im Topf), das tolle Lokal "Chic", ist es aber nicht, ist nur gut..., alles aus der eigenen Landwirtschaft, Brot, Käse, Gemüse.
Der alte Kreter nebenan mit seinem Grill und seine Gäste, die Segeltouristen, die spät abends besoffen "Olé" rufen als wären sie in Spanien, das alles muss so sein...
Und dann die Landschaft. Klein aber oho, mit der schönsten Bushaltestelle der Welt in der Chora. Die kleine Kirche auf dem Weg zum Ampeli, wir spüren nur den Wind und einen Traum in Weiß-Blau. Ein alter Bauer bietet seinen Esel als Taxi an, wäre doch viel einfacher als das anstrengende Laufen. Wir lehnen lachend ab.
Außerhalb von Ano Meria zum Ag. Georgius geht jetzt die Straße, aber der Monopathi von hier hinauf zum Dorf ist drei Sterne wert. Und erst der alte Prozessionsweg, auf dem das halbe Dorf Ostern von Petoussi hinunter nach Livadi läuft. Man findet ihn nicht leicht, nur die Steinmännchen weisen den Weg durch ein riesiges Thymianfeld. Dort weiter bis Kátergo, wenn die Kraft noch reicht - einer der besten Naturstrände der Insel. Da kann man schon mal in Fotolaune kommen, ich hab mal ein paar Bilder rausgesucht und ins Netz gestellt…