Lisbet vom Restaurant I Pounta hat ihre Aquarelle als Tischsets ausdrucken lassen.
Damals, vor ca. zwanzig Jahren kam sie als junge Frau aus Dänemark nach Folégandros, hat dort begonnen zu Malen, zu Töpfern. Hat ihren Mann Takis kennen gelernt, geheiratet, die Kinder kamen. Keine Zeit mehr für die Malerei.
Keramikerin ist sie immer noch, hat das Geschirr für das gemeinsame Restaurant gefertigt, liebevoll jede Tasse, jeden Teller in ihrem ganz eigenen Stil. Touristen kaufen es gerne als Andenken und nehmen es mit nach Hause.
Die Töchter sind mittlerweile erwachsen, jetzt besinnt sich Lisbet wieder auf die Malerei. Neben den Tischsets hat sie einige weitere Aquarelle in Druck gegeben, vielleicht wird ein Buch daraus. Es sind Motive rund um Ano Meriá, meiner Lieblingsregion auf Folégandros, Impressionen alter Kykladenhäuser, das Meer im Hintergrund.
So zieren die Sets mit ihren Bildern die Plätze des gemütlichen Restaurants mit seinem großen wilden Garten und den vielen Katzen.
Und so freuen wir uns, dass sie uns zwei dieser Drucke handsigniert überreicht, als kleines Geschenk unserer langjährigen Bekanntschaft.
Doch ganz leicht wird es nicht sein, die Drucke knitterfrei nach Hause zu transportieren, so ganz ohne Falten.
Wir machen uns auf die Suche nach einem geeigneten Transportbehälter, vielleicht ein Köcher oder eine feste Rolle. Wenn überhaupt dann gibt es so etwas in der Nonfood-Abteilung des Supermarkts - dort neben dem Fischlokal, das einst Nikos mit seiner legendären weißen Kochmütze gehörte.
Der neue Besitzer des Supermarkts hat seine Nonfood-Abteilung ausgebaut, in den ersten Stock verlegt und vergrößert. Interessante Mischung: von Osterhasen über Elfen bis Plastikblumen, alles vorhanden, videoüberwacht. Nur kein Köcher.
Aber nach einigen Überlegungen finden wir doch die passende Lösung: der harte Pappkern der Alufolie, in die wir immer unsere Lunchpakete wickeln, hat die richtigen Ausmaße für die Aquarelle.
Also schnell noch eine Rolle Alu gekauft, die Bilder schön säuberlich klein gerollt und in den Pappkern versteckt.
So transportieren wir sie auf unserer Reise sicher bis nach Hause, wo sie einen gebührenden Platz im Rahmen an der Wand bekommen.
Ach, Lisbet, danke, wie schön sie sind!
Folégandros ist Amerika! Juni 2010
Man, man, man! Wie sind die denn drauf hier auf Folegaaandros?
Überall wo du hinguckst nur Pools, Pools und nochmals Pools. Und das bei der Wasserknappheit auf den chronisch trockenen Kykladen!
Es ist wie ein Wettbewerb "wer hat den schönsten Pool?" Und offensichtlich spricht es die Touristen an, denn sie kommen auch im Juni schon in Scharen, nicht nur die Amerikaner, aber verstärkt auch sie.
Ja, Folégandros ist Amerika. Jedenfalls das Amerika der Kykladen. So sieht es jedenfalls aus. Denn wie sagten wir früher? Alles, was sich die Amerikaner ausdenken, kommt zehn Jahre später zu uns herüber.
Beispiele gibt es genügend, wie etwa das Farbfernsehen, Kaugummi, Automatikgetriebe, elektrische Fensterheber, Arbeitslose, Boxershorts. Und Swimmingpools.
Und was auf dieser so kleinen Insel Folégandros beginnt, das schwappt krakenartig auch auf die übrigen Kykladen hinüber. Wetten? In zehn Jahren wird es die ersten Pools auch auf Irakliá und Schinoússa geben.
Aus der Gästebewertung des Hotels anemi auf Folégandros: "Wer hier nicht wohnt, der hat entweder zu wenig Geld oder zu wenig Geschmack."
Gut, ich geb es zu, ich habe zu wenig Geschmack, bei 220 € pro Nacht - in der Nebensaison.
Da kann ich verstehen, dass so manch ein Natur suchender Backpacker (ist das nicht eine amerikanische Erfindung?) abgeschreckt die Insel nach zwei, drei Tagen wieder verlässt. Das Öko-Paradies ist das hier nicht.
Aber es täuscht, der Ort ist noch völlig in Takt. Die Einheimischen feiern ihre Feste, wie Kindstaufen, Hochzeiten, Ferienbeginn. Es besteht ein gutes Verhältnis von Tradition und Moderne. Man lebt von den Touristen und hat sich mit ihnen arrangiert. Manchmal überlege ich, wer eigentlich wen beäugt: die Touristen die Einheimischen, die wie an der Champs-Élysées aufgereiht in ihrem Kafenion Kastro sitzen, oder umgekehrt, die Einheimischen die flanierenden Touris. Es ist ein Geben und Nehmen.
Und: gepflegt ist es auch. Es gibt kaum eine andere Kyklade, auf der die Müllabfuhr häufiger kommt (wo er dann entsorgt wird, ist eine andere Frage), die Straßen sauberer sind und auch rein optisch das Kykladenklischee stimmt: Plastikstühle sind auf den Plätzen Tabu, Weiß-Blau ist angesagt. Manch einer fühlt sich hier wie in der Puppenstube, aufgeräumt halt.
Nicht so chaotisch wie auf anderen Inseln, wo der Müll aufstößt und alles etwas lässiger wirkt. Und wenn man ausgiebig Inselhopping (ist das nicht amerikanisch?) betreibt, so wird man das Gefühl nicht los, dass es auf die jeweilige Inselregierung ankommt, wie die Insel auf Reisenden wirkt. Da könnte man oft den Eindruck gewinnen: Griechenland ist nicht Europa. Aber es wird. In zehn Jahren. Vor zehn Jahren allerdings sah es auf Folégandros auch noch ganz anders aus.
Als wir zum ersten Mal die Insel besuchten, hatte sie noch mehr von ihrem natürlichen Charme. Damals war es für uns üblich, in einfachen Unterkünften mit Bad auf dem Flur zu Nächtigen, und wir waren so froh, dass Herr Makka seine Apartments Folégandros gerade eröffnet hatte. Kleine Studios im kykladischen Stil, sorgfältig gestylt, keine Plastikstühle auf der Terrasse, keine abgestellten Möbel in der Bude, kein Schnickschnack. Und natürlich keinen Pool. Dazu die griechische Herzlichkeit.
Gut, billig war es schon damals nicht, aber immer noch billiger als z.B. eine vergleichbare Unterkunft für einen Wochenendtrip nach Holland.
Und so blieben wir über all die Jahre den Apartments Folégandros treu. Mittlerweile hat der Sohn Kostas die Geschäfte übernommen, zwei Enkelkinder sind auch schon da. Und wir bekommen immer noch einen "Special Price".
Irgendwann hatte der Wettstreit mit den Pools begonnen, und auch Familie Makka hat ordentlich mitgemacht. Mein Ding ist das nicht, schwimme lieber im Meer. Und das gibt es um Folégandros herum reichlich. Immer noch.
Die Strände im Südosten und Westen der Insel sind wunderbar und zum Baden bestens geeignet, wie Kátergo oder Livadaki.
Es ist, als hätte sich der erste Eindruck von damals in unser Gehirn gebrannt, und der hält an. So ist es meistens bei den Inseln: der erste Eindruck zählt.
Und eine Insel, die auf den ersten Eindruck nicht so gut wirkt, hat kaum eine Chance, ihr Image bei uns jemals zu verbessern. So ist es eben. Keine Ahnung, warum.
Auf Folégandros sehen wir die Schönheiten und die Landschaft der Insel. Die Pools existieren für uns gar nicht, wir besuchen unsere ursprünglichen Eindrücke.
Und das geht ganz leicht. Nur ein paar Schritte aus dem Ort hinaus Richtung Ano Meriá, dem Schild "Christos" und "Fira" folgend, und schon sind wir in einer anderen Welt.
Die alten Wanderwege sind hier noch erhalten, uns begegnet keine Menschenseele, der Blick wandert über die terrassierte Landschaft, bleibt an einigen weißen Kapellen kleben und schweift weit über das Meer. Ruhe pur. Die kurze Rast an der Christos Kapelle lässt uns ein wenig stutzen, sie ist ein wenig "über" renoviert, aber die Lage, die Lage, die Lage! Wir wandern weiter, hinunter zur Bucht von Fira. Nicht ganz so bequem wie zum Nikolaos Strand, aber dafür umso ruhiger.
Gut, wenn wir heute nach Ano Meriá mit dem Bus hinaus fahren, so ist er voll mit Touristen. Keine Ahnung, was die dort suchen. Früher ging der Bus einmal am Tag und brachte ein paar Hausfrauen nach dem Einkauf zurück in ihr Dorf. Wir steigen aus, warten eine Weile, bis sich alle verflüchtigt haben, sehen auch hier den Wettbewerb zwischen Alt und Neu und gehen auch hier hinein in die Landschaft, dieses Mal Richtung Westen.
Schon nach ein paar Schritten tut sich ein Panorama auf, wie man es selten auf den Kykladen sieht. Ein steiler Weg führt hinab, wir landen wieder einmal bei einer einsamen Kapelle, legen uns auf die Wiese unter den Baum, schauen in den ewig blauen Kykladenhimmel, über das Meer, und vergessen die Zeit. So wie vor etlichen Jahren. Oder war es erst Gestern?
Eine unserer leichtesten Übungen auf Folégandros. Immer wieder.