Was ist es doch für ein herrliches Gefühl, den Boden von Amorgós wieder unter den Füssen zu spüren! Wir sind fast erleichtert, dass niemand von unserer altbewährten Pension an der Skopelitis steht.
Dieses Mal möchten wir die Studios Panorama in Chora ausprobieren, wegen der Größe der Zimmer. Und deren Wirt Nikitas Gavalas steht auch schon am Anleger bereit, freut sich, Touristen „geangelt“ zu haben, denn viel ist nicht los auf Amorgós.
„Das erste Mal auf Amorgós?“ „Nein, hier waren wir schon oft.“ „Aha, wo habt ihr denn sonst übernachtet?“ „Bei Elias.“ Er zieht die Schulterblätter etwas hoch, ist ihm nicht wirklich wohl dabei. Wenn das man nicht herauskommt, dass er dem Elias die Touristen wegschnappt, denn Elias ist so etwas wie die Prominenz in Chora.
Uns soll es egal sein, und außerdem wird dessen Haus gerade renoviert, vielleicht war deshalb niemand im Hafen. Wir treffen Elias später im Ort, er begrüßt uns freundlich, alles in Ordnung. Die Panorama Studios liegen zentral neben der Schule, geräumig sind sie, aber es pfeift ein kalter Wind (…immer einen Kittel mehr in Chora. Nicht wahr, Katharina?). Doch man hat das Gefühl, direkt im Ort mitten im Geschehen dabei zu sein. Da stören die Gymnasiasten morgens um 8:30 Uhr kaum.
Es ist schon ein besonderes Erlebnis, hier oben zu wohnen, verändert hat sich hier nicht viel. Wir beobachten die Menschen, wie sie ihre alltägliche Arbeit verrichten, den Papas, wie er um 18:00 die Glocke läutet, die Kinder – und es gibt einige – die in den Gassen spielen, die Parkkünste der Polizei oder die Alten in den urigen Tavernen. Wir streifen durch das Dorf, hinauf zu den verfallenen Windmühlen und essen abends lecker im O Kastanis, bei To Xyma oder einfach in der Pizzeria Petrino, wo wie überall auf der Welt das Handy die Kommunikation bestimmt.
Das Speisenangebot ist gut, es gibt die typischen Fleischgerichte mit viel Zimt, die überbackenen Auberginen, lecker Pizza und vieles mehr. Nach ein paar Tagen hat man alle Restaurants ausprobiert, es schmeckt überall recht gut.
Auch an den Fischhändler Mustafas, der uns mit seinem Muschelhorn weckt, gewöhnen wir uns rasch (sein Vorgänger war noch per Esel unterwegs, das Horn hat er ihm wohl vermacht), wir sehen Mustafas später an seinem Boot im Hafen wieder.
Ich hab ihm seine Visitenkarte abgeschwatzt, mit seinem Werbespruch:
"An fréska psária thes na fas edó (eí)nai o Moústafas!"
"Wenn du frische Fische essen willst Hier ist (der) Mustafas!"
Skylopnichtis hat es mir übersetzt, dafür vielen Dank!
Die meisten Fische werden wohl nach Naxos gebracht, die Einheimischen von Katapola bekommen den Rest, dementsprechend ist die Stimmung mau.
Katapola hat sich schon verändert, wurde modernisiert. Der alte Kiosk auf dem Hauptplatz neben dem Kamari wurde abgerissen und durch einen Neubau-Würfel ersetzt. Ob das jedoch wieder ein Kiosk wird, ist nicht klar. Den Platz „zieren“ jetzt neue große Bänke, auf blankem Betonboden stehend. Sehr modern und viel zu cool. Den alten Kiosk hat man entsorgt, wir finden in kopfüber liegend auf dem Busparkplatz. Wieder ein Stück altes Katapola weniger. Wo soll man jetzt seine Telefonkarten kaufen, das Eis zum Nachtisch oder die Zigaretten?
Wir machen unsere Runde, hinüber nach Xilokeratidi, treffen Margarita, schlendern nach dem Sundowner in der Moon Bar wieder zurück, kaufen ein paar alte Postkarten (die von George Meis) und speisen vorzüglich die typisch griechische Fischsuppe, bei der wie in Südfrankreich die Suppe selbst und die Einlagen von Fisch, Kartoffeln und Gemüse getrennt serviert werden. Einfach lecker! Wenn dann noch wie bei unserem Besuch Jannis Skopelitis mit einem Fischer am Nachbartisch sitzt und leise vor sich hin summt, ist das Amorgos-Feeling perfekt. Der Respekt verbietet es, jetzt die Kamera zu zücken. Aber in den Fingern gejuckt hat es schon.
Natürlich werden wir am nächsten Morgen wieder von den Aktivitäten in Chora geweckt. Als hätten sie auf uns gewartet, muss heute unbedingt der alte Sendemast abmontiert werden, der am alten Hubschrauberlandeplatz. Schon lange gab es Proteste aus der Bevölkerung, da nicht geklärt war, in wieweit die Strahlung für die Schüler der daneben gelegene Schule schädlich sei. Was zuerst aussah wie Reparaturarbeiten entpuppt sich dann doch als eine komplette Demontage, per Flex, elektrischen Schraubendrehern und allem Pipapo.
Schön, dass so eine Demontage mindestens so lange dauert wie unser Aufenthalt in unserer Pension, die direkt daneben liegt. Genau 7 Tage. So flüchten wir tagsüber per Mietauto zu entfernten Zielen auf der Insel, sehen dass das idyllische Ag. Pavlos auch von Baustellen verschandelt wird – eine große Apartmentanlage liegt in den letzten Zügen, die karge Schönheit ist für uns dahin.
Von Aegiali, das meiner Meinung nach immer ein wenig unaufgeräumt wirkt und daher nicht so mein Fall ist, geht es weiter nach Langada, von wo wir die Wanderung zum Kloster Ag. Ioannis Theologos auf dem Wanderweg Nr. 5 machen, kurz bevor sich der Himmel zuzieht und wir noch rechtzeitig die kleine Höhlenkirche Ag. Triada an der Straße nach Langada erreichen. Aber zur Not hätten wir im Theologos Kloster auch in einer der Pilgerzellen übernachten können, Betten und sogar Bettzeug standen bereit, obwohl das Kloster ja nicht bewohnt ist.
Der zweite Autotrip führt uns in den Südwesten der Insel, wir steigen zum ersten Mal nach Alt-Arkesini hoch - sehr beeindruckend die Reste der antiken Inselstadt – zugänglich nur über eine schmale Landbrücke, die Landschaft hier ist einfach fantastiko (wie Reiner sagen würde). Weiter geht es zum Notina Mouros Strand, dessen Zufahrtstraße inzwischen auch asphaltiert ist, so dass er ein beliebtes Ziel für viele Moped- und Mietautofahrer geworden ist. DieTaverne dort ist allerdings auch noch verschlossen, aber für einen schönen Badetag ist er ein herrliches Ziel.
Weniger anmutig finde ich allerdings den Kalotaritissa Strand. Vorbei an der Liweros-Bucht kontrollieren wir, ob die alte Olymipia noch an Ort und Stelle liegt - ja, sie liegt. Der wilde Südwesten von Amorgos wäre schon eine weitere Erkundung wert.
Wenn nicht die Zeit wegrasen würde. Morgen geht es zum Kloster Chozoviótissa.
Ein Besuch im Kloster Chozoviótissa auf Amorgós
Die meisten sagen es klebe wie ein Adlerhorst am Felsen hoch über der Bucht mit dem tiefblauen Wasser, in der ein großer Teil des Erfolgfilms „Im Rausch der Tiefe“ von Luc Besson im Jahr 1987 gedreht wurde. Noch heute wird dieser Film „Le Grand Bleu“ täglich in der gleichnamigen Bar in Xilokeratidi um 20:30 h gezeigt. In welcher Sprachfassung allerdings ist mir nicht ganz klar. Da seit der Filmproduktion mehr und mehr Franzosen die Insel besuchen wird es wohl die französische Fassung sein (ich glaub die Originalfassung ist in englisch).
Ich erinnere mich noch sehr deutlich daran, welche Wellen das Filmteam damals auf der Insel schlug. Als einschneidende Veränderung gab es seitdem den ersten Mopedverleih und bei Popi im Hafen Lobster auf Salat oder Nudeln als kleinen Imbiss.
Aber nicht abschweifen. Das Kloster klebt nicht wie ein Adlerhorst am Felsen, sondern eher wie ein Möwenschiss. Sein weißer Anstrich, den es ursprünglich natürlich nicht hatte, verstärkt diesen Eindruck.
Trotzdem – oder gerade deshalb – ist es sehr attraktiv und seine spektakuläre Lage lädt zu einem Besuch ein, der Bus fährt sogar bis vor die Klosterpforte. Wir jedoch nehmen den alten Treppenweg von Chora hinunter, der weiter bis zur Kapelle Agia Anna führt.
Doch auch den Busreisenden wird noch einiges abverlangt. Denn der Treppenweg von der Pforte bis hinauf zum Kloster hat es in sich. Da fließt schon mal der Schweiß bei den gut vorbereiteten Touristen in langen Hosen und Röcken, und auch die tägliche Versorgung des Klosters ist eine mühselige Arbeit für Mensch und Tier.
Ich habe das Kloster bis jetzt immer buchstäblich links liegen gelassen, auf dem Wanderweg, der hinter dem Kloster beginnt und der bis nach Egiali durch die wunderbaren Landschaften von Amorgós führt. Sollten doch die paar Mönche mit ihrem Abt Spiridonis ihre Ruhe behalten. Und da auf der Infotafel aufgeführt ist, dass das Kloster keine „Leihkleider“ mehr zur Verfügung stellt sehe ich sowieso keine Chance, denn eine lange Hose und einen langen Rock haben wir nicht dabei. Dabei kenne ich den Abt schon sehr lange, der sich Mitte der 80er Jahre schon mal an den Strand von Agia Anna wagte, sobald wir letzten Tagestouristen weg waren. Damals war er natürlich noch nicht der Abt des Klosters, sondern ein junger Mönch.
Also gehen wir weiter am Kloster vorbei. Doch was ist das? An der klitzekleinen Eingangstür des Klosters entledigen sich ein paar Besucher ihrer langen Klamotten und bringen sie ins Kloster zurück. Offenbar gibt es doch wieder Tücher und Hosen im Verleih. Na gut, dann wagen wir es auch, denn insgeheim war der Ausblick von der Klosterterrasse schon immer mein Wunsch. Also rein in eine unsägliche Hose, die drei Nummern zu groß ist (sie ist noch die kleinste von allen), aus schwerem Stoff und am Hosenbund fehlt der Knopf.
Scheißegal, also mit der Hand die Hose gehalten und die steile Treppe rauf, an deren Ende die Gesichtskontrolle in Form eines grimmig blickenden Weltlichen wartet. Hose an? Rock an? Gut. Weitergehen. Links. Der Schweiß fließt in Strömen. Wir besichtigen kurz das Chorgestühl, die kleine Kapelle, in der ein Mönch genervt aufpasst, dass nicht fotografiert wird, und werden dann von einer Frau empfangen (eine Frau in der Männerwelt des Klosters? Hm, komisch!), die ein Tablett mit Wasser, Rakomelo-Schnaps („Produced by the monks!“) und pudergezuckerten Süßigkeiten präsentiert.
Sie führt uns in einen weiteren Raum, an dessen Wänden Fotos von offenbar früheren Äbten des Klosters hängen und bittet uns Platz zu nehmen und Wasser und Rakomelo zu trinken. Möchte mal wissen, wer den Rakomelo erfunden hat, eine tolle Marketingidee: Raki mit Honig, eigentlich nur für die Winterzeit gedacht, möglichst noch erwärmt, vor 25 Jahren gab es das Zeugs jedenfalls im Sommer noch nicht auf Amorgós, heute der Exportschlager schlechthin. „Sit down. You have to sit down. Drink this. You have to drink this.“ Dann bietet sie die gezuckerten Süßigkeiten an. “Eat”. Ich versuche eingeschüchtert eines dieser süßen Dinger, grünes Fruchtgelee in Puderzucker, kenne sie ja schon von anderen Klosterbesichtigungen, gut mit Wasser nachspülen. Rakomelo bei der Hitze lieber weglassen. So sitzen wir dort durchgeschwitzt zusammen mit anderen Besuchern und verziehen uns dann doch lieber auf die Klosterterrasse, weil der wunderbare Blick durch das Fenster Besseres verheisst.
Wow, welch ein Ausblick auf das große Blau! Ein Klosterbesuch lohnt also doch. Ein paar Minuten die Ruhe genießen, dann wieder hinein in die Dunkelheit.
„You have to come here!“ ertönt die bekannte Stimme, doch wir wiegeln ab. “No, we have to go.” Mir reicht es, wir haben alles gesehen was wir wollten, leider war der Abt Spiridonis nicht da, er kommt uns beim Verlassen des Klosters entgegen, hat wohl in Katapola eingekauft, erkennt uns im dunklen Raum aber leider nicht. Wir gehen grüßend nach draußen.
Jemand hatte mehr Glück als wir, ihn anzutreffen: Spiridonis bei flickr.com
So entledigen auch wir uns der armseligen Klamotten und flüchten in die geliebte Landschaft.
Welch ein Duft! Welch ein Lüftchen!
Welch ein Kloster! Adió Amorgós – bis zum nächsten Mal.