Lipsi - Juni 2017

 


Manchmal wache ich auf und träumte von einer Insel, klein und fein, griechisch wie im Bilderbuch, mit einem netten Ort in
Blau-Weiß, freundlichen Menschen, ein paar typisch griechischen Kapellchen, vielen Stränden und bunten Fischerbooten, die im Hafen vor sich her dümpeln. Kann es so etwas heute noch geben?


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Knapp zwei Stunden dauert die Fahrt mit dem Kattammarrann „Pride“ von Kos, vorbei an Kalymnos und Leros, zu den Lipsoi-Inseln. Denn es sind mehrere, männlich Plural, wie die Bestätigungsmail unserer Unterkunft wissen ließ, und wenn wir Wikipedia glauben dürfen, besteht der Lipsoi Archipel aus sechsundzwanzig Inselchen. Also müsste die Hauptinsel besser „Lipsos“ heißen. Aber das sagt ja kein Mensch. Von Freunden, Bekannten und Verwandten hatte Lipsi schon viele Vorschusslorbeeren bekommen, die Wiederholungstäter waren sich einig: ein Glanz in den Augen, wenn man nur das Wort aussprach. Dabei war nicht einmal dieser wunderbare DDR Tanz gemeint. Das Wort Lieblingsinsel ist praktisch Lipsis Vorname.


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Und wirklich, es fällt nicht schwer, sich in diese Insel zu verlieben. Schon bei der Ankunft merke ich, hier läuft einiges anders. Der Rundgang durch das Dorf lässt erkennen, Lipsi ist eine griechische Insel wie im Bilderbuch. Der Ort ist fast schon kykladisch, die Platia mit der Post und der alten Taverne so malerisch, da hat gleich eine Gruppe von Aquarellisten begonnen, die Pinsel zu schwingen. Jede Ecke birgt neue Motive. Die Einwohner sind freundlicher, nicht so gereizt, ganz relaxed. Jeder grüßt jeden, bei jeder Gelegenheit, sogar die Touristen untereinander, auch wenn man sich zum x-ten Mal auf der Gasse begegnet. Nervig? Nein, schön!


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Die Bäckersfrau in der alten Bäckerei „Krystalli von 1951“ oben im Ort, wo noch das Brennholz für den Ofen vor der Tür lagert, hat das beste dunkle Brot der Insel (μαύρο ψωμί), sie schenkt uns noch ein paar Sesamstangen dazu. Die kleinen Läden laden zum Stöbern ein, vor der Tür stehen die „Stühle für gelangweilte Ehemänner“. Der ehemalige Schwammtaucher Giannis aus Kalymnos hat seinen Verkaufsstand am Hafen eröffnet.


Manolis, der Chef-Koch von „Οι γεύσεις του Μανώλη,  Manoli´s tastes“ in seiner roten Kochmontur lotst uns gleich in seine Küche. Ob ich ein Foto machen dürfe fürs Internet? „Nein. Nicht eins!“ Pause. „Mach lieber hundert!“ ist seine Antwort. Na klar, er weiß, dass das auch Werbung für ihn ist. Vor Kritik braucht er sich nicht zu fürchten. Er und seine Mannschaft sind sympathisch, vom Spüler bis zur Servicekraft. Und die Speisen sehr lecker: Salat mit warmen Ziegenkäse. Günstig die Dorade vom Grill inkl. Beilagen für schlappe zwölf Euro. Da kann keiner meckern!  Zum Schluss gibt´s noch ein Panna cotta aufs Haus.


Auch andere Lokale gefallen uns sehr, vor dem  „Yiannis“  am Hafen dümpeln die bunten Fischerbote, das Lokal hat leider noch geschlossen, es wird gepinselt bis der Arzt kommt, auch an seinem Boot, Tag für Tag. Eröffnet wird leider erst an unserem Abreisetag.


Aber das To Pefko nebendran hat schon geöffnet, mit sehr guter Küche. Ein reiner Familienbetrieb, geführt von Nikos und seiner Schwester Maria, deren Mann Takis hier der Chefkoch ist. Nikos begrüßt jeden Gast launig mit einem kleinen Griechisch-Sprachkurs für Anfänger: „Ti kanete? Kala!“ und übersetzt es gleich: „How are you? Very well? Bravo!“ Solange, bis es alle können. Und auch meine  weitere Konversation auf Griechisch bricht er nicht schnöde ab, sondern lässt sich darauf gerne ein.
Die Speisekarte ist gut und bodenständig, jeden Tag gibt es Tagesgerichte, und natürlich auch schon mal ein Schokoladensoufflee.


Nur mit den Ouzerien am Hafen haben wir es nicht so, die eine erscheint etwas zu touristisch, da bedienen sich die Krähen tagsüber schon mal an den Oktopussen, die zum Trocken auf dem Dach hängen. Eine andere daneben erscheint etwas ungemütlich. Nur direkt auf der Ecke „Mezes Str. & Ouzo Corner“ gefällt es uns zum Sundowner sehr gut. Zur Bestellung geht man am besten direkt in den Laden, der Chef oder die Chefin sind  meistens mit der Zubereitung ihrer Mezes beschäftigt. Und wenn du am zweiten Abend wiederkommst, bist du fast schon Stammgast.


Vielfältig ist auch die Landschaft, schön der Blick oben von den Kirchen des Agios Ioannis oder den Erzengeln Michael und Gabriel über den ganzen Hafenort.




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Und schöne Wanderungen führen uns zu den vielen Stränden, von Plati Gialos und der Moschato Bucht bis hin zum Kohlakouras Kieselstrand – von uns auch gerne Kohlrouladi getauft - mit dem wunderbar türkisfarbenen Wasser, vorbei an der Wallfahrtskirche Panagia tou Charou, wo am Pfingstsonntag dann doch schon einiger Taxiverkehr mit den griechischen Tagesausflüglern vorherrschte, die die Insel per Kattammarrann am Abend wieder verlassen.


 Ja, Lipsi hat einige schöne Ecken, wie die Agios Nikolaos Bucht...


...und auch um Agios Georgios über der Kambos Bucht, alles sehr reizvoll für geruhsame Urlaubstage.


Aber wo Licht ist, ist auch Schatten. Es ist wieder so ein seltener griechischer Tag, an dem nichts funktioniert. Zuerst fällt der Strom aus, na gut, nur für ein- zwei Stunden, dann kracht es in der Wasserleitung, der Wasserhahn in der Küche hält dem Druck nicht stand, er wird undicht. Dann fällt das Wasser ganz aus. Nichts geht mehr. Hilflos irre ich im Garten unserer Unterkunft umher, suche Hilfe, sehe einen Mann in Arbeitskleidung. Ob er mir helfen könne, das Wasser sei weg. Oh, er sei nur der Gärtner, er will mal beim Wasserspeicher und der Pumpe nachsehen, ein wenig kennt er sich aus, kommt nach einer Stunde wieder, das Wasser läuft wieder.

Ich bedanke mich dafür, dass er sich um mein Problem gekümmert hat.  Wie er denn heißt? Er sei Giannis, sagt er. „Ja die Probleme, die Probleme, aber es ist auch mein Problem. Sobald du zu mir mit einem Problem kommst, ist es auch mein Problem, und ich versuche zu helfen. Damit müssen wir fertig werden. Aber wir müssen unsere Nerven schonen, wenn es keine Lösung gibt, am besten man denkt nicht daran. Weißt du, was ich dann mache? Ich trinke einen Ouzo und tanze Sirtaki“ Und er setzt zu einem kleinen Tänzchen an,  zündet sich eine Zigarette an.


„Ach, genau wie Alexis Sorbas?“ frage ich verblüfft „Ja, genau wie Alexis Sorbas in dem Film, kennst du ihn? So sind wir Griechen wirklich, ich bin wie Alexis Sorbas. Komm, lass uns zum Hafen gehen und  einen Ouzo trinken…“ Ich glaub, ich bin im Film…


Doch bald geht es weiter. Ob es uns auf Fourni auch so gefällt?




Meine Lipsi Fotos auf Google