Ich liebe sie...

 

 

 

 

...nicht wirklich, diese Pullmansitze auf der Blue Star Naxos.

Eigentlich sind es ja "Air Seats", aber sie haben weder etwas mit Luft noch mit Flugzeugen gemeinsam.

Lange habe ich gebraucht, um den idealen Sitz und Platz herauszufinden, denn früher saßen wir gerne draußen an Deck der alten langsamen Fähren, genossen die frische Luft und den weiten Blick.
Heute jedoch ist der Außenbereich der großen Pötte nicht mehr so attraktiv, eher ungemütlich zweckmäßig und oft nicht windgeschützt, so dass man sich gerne mal nach Drinnen verzieht.

 

 

Es handelt sich um die Sitze Nr. 581 und Nr. 582 im oberen Teil des Schiffes, Lounge 4. Nicht ganz leicht zu finden, die Eingangstür dieses Bereichs gleicht eher dem Zugang zum Maschinenraum, es verirrt sich selten jemand hierher. Außer vielleicht Reisegruppen, die aus Versehen Sitze hier gebucht haben. Meistens sind es Amerikaner oder Australier älteren Datums, gut ausgerüstet mit farbigen Anoraks, die Damen in Rot (vormals Rosé), die Herren in Dunkelblau. Mit Wertsachen-Gürtel gewappnet, Jogging-Hosen und Trecking-Sandalen.

Dann versinken wir ganz tief in unseren Air Seats und stellen uns schlafend.

Im schlimmsten Fall halten sie uns ihre Buchungsnummer mit der 581 oder 582 unter die Nase. Dann versuche ich umständlich zu erklären, dass der Sitz Nr.582 natürlich der Sitz vor uns ist, weil die Nummer ist ja an seiner Lehne dran. Dann haben wir sie vor der Nase und können sitzen bleiben. Denn gebucht haben wir einen Sitz leider nicht, die paar Euro kann man sich sparen, in der Vorsaison ist der Saal meistens leer und die Besatzung toleriert die falschen Schläfer.

 

 

Allerdings muss es doch Nr.581 und 582 sein. Denn nur sie sind geräuschgeschützt - befinden sich weit entfernt genug vom ewig flimmernden Fernseher, und auch von den vibrierenden sich langsam lösenden Deckenpaneelen, die einem den Schlaf rauben, wenn die BlueStar Fahrt aufnimmt. Außerdem liegen

sie im einzigen Bereich, wo die Klimaanlage nicht so saukalt bläst. Und sie bieten den etwas getrübten Blick nach draußen.

So können wir wunderbar beobachten, welche Schiffe vorbeiziehen, und wie das Außendeck vor unserem Bullauge langsam verdreckt.

 

 

Aber auch die vereinzelten Mitreisenden bieten Programm,

wie etwa das japanische Paar vor uns, das seine Urlaubsfotos

am Laptop sichtet, ohne zu bemerken, dass man von hinten zwischen den Sitzen auf den Screen linst und zwangsläufig einen wunderbaren Blick auf delikate Ausschnitte hat.

Von Vieltelefonierern rede ich im Moment lieber nicht.

Bei Zwischenstopps vertreten wir uns die Beine und schauen gerne mal nach unserem Gepäck, das auf dem Autodeck deponiert ist und das ja immer der Gefahr unterliegt, versehentlich von einer Reisegruppe en Block mit von Bord genommen zu werden, oder auch mal von einem ausfahrenden LKW oder Bus touchiert zu werden. Alles schon erlebt,

Holzauge sei wachsam.

 

 

So verinnt die Zeit wie im Flugzeugsitz, wir dämmern so vor uns hin, bis wir von der hochinteressanten Information aus den Lautsprechern wieder aufgeschreckt werden, die gleich mehrsprachig darauf hinweist, dass das
Self-Service-Bordrestaurant für unglaubliche weitere fünfzehn Minuten geöffnet ist. Wow. Welch eine Nachricht!

Na dann freuen wir uns um so mehr auf die Weiterfahrt mit

der Express Scopelitis - auch ohne Bordrestaurant und Lautsprecherdurchsagen.

Und - on Air Seat.

 

 

 

 

 

 

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