Ein Blick hinter den Vorhang

auf Sérifos

 

 

 

 

Es gibt Momente, da zweifle ich, ob ich die Kykladen nicht

viel zu schön darstelle, ob sie von Anderen, wenn sie denn

ihre Reise antreten, wirklich so harmonisch und ästhetisch wahrgenommen werden, wie ich sie zeige.

Ob die Erwartungen nicht viel zu hoch sind, auch aufgrund meiner Bilder und Schilderungen.

Denn häufig habe ich erlebt, dass Mitmenschen enttäuscht
von meinen Lieblingsinseln abgereist sind. Sooo haben sie sich das nicht vorgestellt. Das Paradies geht anders!

Sicher, schon mancher hat von den etwas einfachen Verhältnissen gehört, von der Improvisationsfähigkeit der Griechen, was auch auf Kosten von Sicherheit und Gesundheit gehen kann - die jüngsten Waldbrände um Athen haben es

erst wieder bewiesen.

Aber auch im Kleinen wird improvisiert, zum Beispiel was Bad und Küche in vielen Unterkünften auf den Kykladen angeht.
Ein am Körper klebenden Duschvorhang hat ja noch etwas Spezielles.

Doch wenn man zu Hause einigen Komfort gewöhnt ist, muss
im Urlaub der Wasserhahn nicht unbedingt vor Grünspan schimmern, der Boiler Rostflecken zeigen oder die Toilettenspülung defekt sein.
Denn hier ist gerne der Haltearm für den Schwimmer durchgerostet, das Wasser fließt nur noch Tröpfchenweise nach.

Da muss schon mal per Brauseschlauch nachgefüllt werden, wenn man nicht stundenlange Reparaturarbeiten durch den Hausherrn im Bad in Kauf nehmen will.

 

 

 

 

Die Entschädigung für diese kleinen Missstände ist aber

immer die kykladische Landschaft, die auch durch die

größte Improvisation der einheimischen Bevölkerung nicht kaputt zu kriegen ist.

Man muss es sich einfach klar machen: die Kykladen sind einfache Inseln, weitab vom Festland, mit etlichen Müll - Logistik- und Verkehrsproblemen.
Ein von uns gewohnter Standard ist hier noch nicht erreicht.
Man sollte nur einmal einen Schritt hinter das Fotomotiv tun -
oder den "Vorhang" ein wenig zur Seite schieben.

 

 

 

 

Ein kleines Beispiel:
In Livadi auf Serifos musste die Hauptstraße asphaltiert werden.
Die Schlaglöcher waren einfach zu groß, und die Saison hatte
eigentlich bereits begonnen.

Der warme Asphalt wurde auf die Straße gekippt, verteilt und
der Verdichter rollte ein- zweimal darüber. Die Passanten störte das  nicht weiter, Hauptsache die Ausbesserung war schnell erledigt.

 

 


Auch die als Sperrmüll an die Straße gestellten Schränke störten nicht groß. Es wurde um sie herum asphaltiert.

 

 

Und so war die Straße nach kürzester Zeit wieder befahrbar.
Allerdings hatte der Bus mittlerweile schon tiefe Spurrillen hinterlassen, und der Sperrmüll war immer noch nicht beseitigt.
Die Fahrbahndecke wird höchstens zwei Monate halten.

Es ist nun mal so: der Grieche tickt einfach anders.
Es muss nicht alles perfekt sein. Und es muss schnell gehen. Denn der Missstand hat ja schon lange genug gedauert. Improvisation ist alles.

 

 

 

 

Wie schrieb einst Kazantzakis:

"Auf meiner ganzen Reise durch die Ägäis spürte ich tief,
dass wirklich der Vorhang das Bild ist. Wehe dem, der den Vorhang zerreißt, um das Bild zu sehen; er wird nur das Chaos erblicken."

(Nikos Kazantzakis, 1883 - 1957, Im Zauber der griechischen Landschaft)

 

 

Vielleicht ist es das, was einen Kykladenurlaub ausmacht:
Urlaub von der Perfektion, mit einem Schuss mehr an Lebensfreude und Gelassenheit.

 

 

 

 

 

 

 

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