Donousa - September 2017


Es war der Tag vor Silvester, ich erinnere mich noch ganz genau daran, ich war damals noch sehr jung, vielleicht sechzehn oder siebzehn Jahre alt. Meine Freunde und ich hatten irgendwoher schon Silversterböller ergattert, nicht viele, so fünf oder sechs Stück. Damit zogen wir durch die Straßen meiner Heimatstadt und ärgerten die Autofahrer, indem wir die Dinger einfach in den laufenden Verkehr auf die Straße warfen und die erschreckten Gesichter der Fahrer beobachteten, wenn ein Böller unter deren Auto losging. Genau planen konnten wir das nicht, denn es gab eine kleine Zündschnur an jedem Böller, und so kam der Knall mal früher oder später.
Leider hatte ich das Pech, dass als ich an der Reihe war, gerade einen Böller gezündet und geworfen hatte, ausgerechnet ein Streifenwagen der Polizei vorbeikam, und mein Böller konsequenter Weise direkt vor deren Motorhaube losging. Um es kurz zu machen: mein Vater musste mit mir zum Gericht, und ich war fest davon überzeugt, er würde mich dort locker raushauen. Aber es kam leider ganz anders. Der Jugendrichter geigte uns ganz schön seine Meinung. Und auch mein Vater, der sich immer gerne für mich einsetzte, war plötzlich lammfromm. Als Strafe musste ich einen nicht unerheblichen Anteil meines Taschengeldes einer sozialen Einrichtung stiften. Das hat gewirkt. Einen Satz dieses Richters aber werde ich nie vergessen. Er fragte: „Was denkst du würde passieren, wenn das jeder machen würde, wenn jeder Silvesterknallkörper in den laufenden Verkehr werfen würde?“
Darüber hatte ich natürlich nicht nachgedacht, es reichte ja, wenn ich das machte, wahrscheinlich würde der Verkehr zusammenbrechen und es würde sehr viele Unfälle geben.
Warum erzähle ich das hier?
Seitdem muss ich sehr oft an diesen Satz denken, wenn es ums Zusammenleben geht, wenn – wie so oft – Einige ihre Interessen in den Vordergrund stellen und die Interessen der anderen dann nicht beachten. Sie kennen keinen Respekt.
In einer Großstadt wie Köln passiert das hunderte Mal am Tag, da fällt das gar nicht mehr so auf.
Aber was geschieht an so kleinen Orten, ich denke da gerade an Donousa, das wir von Folegandros kommend mit der Skopelitis ansteuern.


Hier – nach zweijähriger Abwesenheit - fallen mir doch einige Dinge auf, die ich so noch nicht kannte.
Wie schon so oft berichtet, hat sich ja Folegandros, von wo wir gerade kommen, in den letzten Jahren enorm verändert, und irgendjemand wird damit angefangen haben, den ersten Pool zu bauen, die ersten Autos auf die Insel mitzubringen, das erste Luxusresort zu eröffnen.
Und wenn man diese Leute fragen würde: „Warum habt ihr das gemacht? Es war doch vorher so schön hier.“ Dann werden sie mit Sicherheit antworten: „Damit es uns besser geht. Und die Touristen wollen das so.“ Mittlerweile geht es denen auf Folegandros so gut, dass – wie naxospress.gr berichtet, die Stromversorgung für die vielen Pools und Klimaanlagen regelmäßig für Stunden zusammen bricht, so dass sich sogar das Parlament damit befasst. Und das sind nicht die einzigen Probleme. Von der Wasserversorgung ganz zu schweigen.

Nun, diese Probleme kennt Donousa nicht, und ich hoffe, dass das so bleibt. Jedoch als erstes fällt mir auf, dass die Bautätigkeiten auch hier fortgeschritten sind, und auch wir profitieren gerne davon, beziehen den Neubau unseres langjährigen Vermieters, den wir schon so lange kennen, und der uns die Weihnachtspostkarte nach Hause geschickt hatte, als er damals als einer der Ersten auf der Insel Telefon bekam. Ja, lang ist´s her.
Heute genießen wir auf unserem neuen Balkon die Aussicht über den Ortsstrand und ganz Stavros, allerdings bei scharfem Nordwestwind, und wundern uns ein wenig, dass es hier am Strand wohl auch schon einen Sonnenliegenverleih gibt.



Wir nutzen gerne der Bushaltestelle direkt vor unserer Nase und bewundern die drei neuen Restaurants auf der Insel, das „Ambelaki Pizza Restaurant“ oberhalb des Ortsstrands, das „Agnanti“ auf dem Weg von Stavros zum Kedros Strand, es hat Ende September aber leider schon geschlossen, und das „Avli“, oberhalb vom „To Kyma“ zum Hafen hin gelegen. Nun, wo die Bettenzahl zunimmt, muss es auch mehr Essensplätze geben, das ist ja klar. Dennoch ist zu anzumerken, dass durch die neuen Restaurants natürlich auch ein Stück Authentizität, ein Stück Traditionelles abgelöst wird. Auch wir nehmen dieses gerne an, es ist einfach so, das Essen im „Avli“ ist wirklich ganz vorzüglich, feiner Kartoffelsalat, Fava, Auberginensaganaki, gegrillter Oktopus.


Und ich versuche nur zu beschreiben, was ich dabei empfinde, als wir am nächsten Tag dann doch wieder im „To Kyma“ unser gewohntes Kotopoulo bestellen. Auch hier ändern sich die Zeiten, die neue junge Generation hat mittlerweile den Service übernommen, alles bleibt in der Familie, da hat kaum jemand von außen eine Chance. Warum sollte er auch? Die Jugendlichen haben noch Semesterferien, bessern so ihr Konto auf.


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Die Atmosphäre hier ist eine andere als in den neuen Restaurants, eine Stimmung, wie wir sie so oft vermissen, und wonach wir uns zu Hause sehnen. Das typisch griechische Leben eben, wo die Familie die Küche bewirtschaftet, der Vater die Kasse bewacht und die alten Männer Tavli spielen, und höchstens mal einen kleinen Kaffee trinken. Mit einem Glas Wasser dabei, natürlich. Oder halt Whisky pur. Ja, das Leben könnte so schön bleiben, wenn man sich auf solche Orte wie „To Kyma“ oder „O Kapetan Giorgis“ beschränken würde.


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Wenn nur die Touristen nicht wären. Sie kommen in Scharen, belagern die Strände, bringen ihre Hunde mit und halten sich an gar nichts. So hat die Inselverwaltung inzwischen an allen Stränden Schilder aufgestellt, wie man sich zu benehmen hat. Auf Griechisch und auf Englisch. Für jeden Strand etwas anders, so fehlt zum Beispiel der Hinweis auf das Nacktbadeverbot auf dem Schild am Livadi Strand, das jedoch am Kedros und am Ortsstrand lesbar ist. Hier das Schild vom Livadi:
„Willkommen am Livadi.
Die Strandzone ist öffentlich und muss in einer zivilisierten und verantwortungsvollen Weise von jedermann benutzt werden.
Camping am Strand ist verboten.
Bitte bewegen Sie die Steine nicht und schneiden Sie keine Äste ab. Stellen Sie sicher, dass Ihr Müll ordnungsgemäß in den Müllcontainern entsorgt wird.
Haustiere müssen an einer Leine geführt werden und ein gültiges Gesundheitsheft haben.
Genießen Sie den Sommer.“

Nun, den letzten Satz scheinen sich ja viele zu Herzen zu nehmen, aber was die anderen Spielregeln angeht, so erleben wir am Livadi Strand etwas ganz anderes, man könnte auch sagen, diametral entgegengesetzt.
Ein feiner Sandstrand mit türkisfarbenem Wasser, so wunderschön gelegen, dass man die Insel Amorgos von dort in ihrer vollen Länge vor sich sieht.
Sechs Zelte zählen wir direkt am Strand und neben den Bootsschuppen, Hunde laufen frei herum, als Windschutz wurden etliche Mauern aus den herumliegenden Steinen errichtet.
Die Anzahl der Wildcamper hat im Vergleich zu vor zwei Jahren deutlich zugenommen. Und wo sie früher mit ihrem Straßenköter daher kamen, streicht heute auch noch der Rasse Luxus Windhund dir ungefragt um die Beine. Dafür sitzt er abends im neuen Fischrestaurant am Hafen von seinem Herrchen angeleint brav unterm Tisch. Und so angezogen sehen die Wildcamper auch gar nicht mehr aus wie Hippies, sondern eher wie Modemacher oder Professoren aus Athen. Unnötig zu erwähnen, dass sie vom Livadi wohl mit dem Auto angereist sind. Denn so oft fährt der Bus ja nun auch nicht. Ja, die Autodichte ist auf Donousa schon um etliche Exemplare gestiegen. Da sollten wir Touristen meiner Meinung nach hier auf ein Auto verzichten.
Es gibt ja auch das Ausflugsboot, die Magissa, um beim Räumen des Strandes den Rucksack und das Zelt nicht auch noch bis nach Stavros schleppen zu müssen.



Also, ich muss sagen, Donusa hat mich schon überrascht, und mein Kykladenfieber ist hier diesmal deutlich gesunken.
Da zieht es uns lieber zu Fuß nach Kalotaritissa, dem entlegenen Flecken mit schönen Sandstränden, der jetzt im September auch nicht mehr von der Magissa angelaufen wird, die kommt nur noch bis zum Kedros,  Livadi Strand und zur blauen Grotte Fokospilia.
Und auch die Busladungen voll Italiener gibt es Ende September nicht mehr, die wir vor zwei Jahren im Juni genießen durften. Ja, Kalotaritissa ist zur Zeit sehr beschaulich und ein Rückzugsort. Ein wenig wie Stavros vor vielen Jahren, als Einheimische und Touristen zusammen den Sommer genossen, man das Gefühl hatte, nicht nebeneinander her zu leben, das Interesse aneinander noch da war. Heute ist das vorbei, man lebt wie auf den anderen Kykladen in einer Zweiklassengesellschaft. Hier die Einheimischen, dort wir Touristen.


Und es ist ja auch so, dass die Alten wortwörtlich aussterben.


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So ist es um so löblicher, dass es heute noch einen Zeitgenossen wie Janis aus Köln gibt, der Donousa zwar erst zu einer Zeit kennen lernte, als es dort schon Telefone gab, der in seinem Sommerurlaub mit Elias und dessen Magissa oft hinausfährt, dann gerne den Matrosen macht, und der sich auch schon mal mit dem Kapitän und seiner Familie am Kölner Dom trifft. Er hat sich jetzt die Mühe gemacht und per Fotobuch die alten und die jungen Charakterköpfe für die Nachwelt eingefangen, wundervolle Portäts der Donousianer, mit einem Hauch von Nostalgie. Das Buch liegt im „To Kyma“ aus, rechts neben der Kühltheke, oben auf der weißen Vitrine, einfach mal danach fragen, ich glaube den Einwohnern gefällt es auch sehr gut, und es hat auch schon ein paar Tzatzikiflecken.


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Dabei fällt mir wieder der alte Satz von meinem alten Jugendrichter ein: „Was wäre, wenn das jeder machte?“ Nun, nicht jeder sollte auf die Idee kommen, ein Fotobuch zu machen, und wenn, das wäre ja auch nicht so schlimm! Aber nicht jeder sollte auf die Idee kommen, auf der kleinen Insel Donousa Urlaub zu machen, und das macht ja zum Glück auch nicht jeder.


Jedoch die kleine Inselwelt hier sähe schon etwas besser aus, wenn sich jeder einmal darauf besinnen würde, mehr Rücksicht auf seine Mitmenschen zu nehmen, und nicht seine Interessen in den Vordergrund zu stellen. Und einfach die Gesetze oder Regeln zu beachten, immer nach dem Motto:„Was wäre, wenn alle so handeln würden wie ich?“
Denn irgendwie hielte ich es erstrebenswert, Donousa nicht zu einem zweiten Mykonos verkommen zu lassen. Und, einige Einwohner äußern diese Sorge mir gegenüber genauso. Auch wenn es auf Mykonos inzwischen deutlich mehr Millionäre gibt und auch hier der Fortschritt nicht aufzuhalten ist.


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Wir jedenfalls schippern jetzt erstmal nach Naxos, das wir schon kannten, als es dort nur Kotopoulo und sonst gar nichts gab, und Popi an der Paralia damals wie heute unermütlich anpries:

"Chicken, very nice!" Und die Tavlispieler nehmen wir wegen der authentischen Atmospähre einfach auf der Skopelitis mit.



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