Kimolo mou - Paradeiso mou

 

 

 

 

Ja, es gab sie noch, die alten Fähren, bei denen das Deck aus echten Holzplanken bestand. Die Panagia Hozoviotissa gehörte dazu.

 

 

Von Serifos kommend, einen kurzen Stopp in Sifnos einlegend, bei dem sechs zwielichtige Gesellen in Handschellen – die Hände auf dem Rücken -von drei Polizisten an Bord gebracht werden und sich dann neben uns munter in den Pullmans rekeln (na, hoffentlich steigen die nicht in Kimolos aus – nein, fahren weiter – Gott sei Dank, vielleicht nach Milos) nähert sich die PH dem Anleger von Kimolos.

Die Ladeklappe öffnet sich, und als einzige Passagiere gehen wir von Bord, fühlen uns wie Jonas, der vom Wal ausgespuckt wurde – einsam und verlassen.

 

 

Drei verwegene Gestalten sitzen in der Hafentaverne, sonst niemand da, schauen nur kurz über die Schulter – der Wirt und zwei Gäste. Schon wieder zwei Verrückte, die sich verlaufen haben und zu früh ausgestiegen sind – wo Milos doch so schön sein soll.

 

 

Der Wirt erbarmt sich unser, erhebt sich und reicht mir wortlos – ohne mich anzublicken – eine gelbe Werbebroschüre über die schöne Insel Kimolos mit ihren Sehenswürdigkeiten,  

den "Kimolos Island Guide".

Leider hat er sich in der Farbe vergriffen, denn wie wir später feststellen, gibt es auch eine blaue Broschüre mit allen wichtigen Telefonnummern und Adressen, den
"Kimolos Tourist Guide".

„Echete Domatio?“ frage ich. „Né, né!“ und er weist die Hauptstraße entlang Richtung Chora, auf der wir die Rücklichter
 

des leeren Busses gerade noch entschwinden sehen.

Etwas besorgt greife ich in meine Hosentasche, finde das Fährticket, zerknülle es missmutig und werfe es in den nächsten orangefarbenen Mülleimer am Hafen. Dann sehe ich, dass er eine Aufschrift trägt:
„Kimolo mou - Paradeiso mou“.

Na, wer´s glaubt ... nicht mit mir!

Wir kennen die Insel von früher, der Weg zur Chora ist wirklich nicht weit. Und so zuckeln wir mit unseren Trolleys die Straße hoch – als grobes Ziel die „Meltemi-Rooms“ im Auge, am Ende des Dorfes.

Die Rooms von Maria Melanitis auf halben Weg direkt an der Straße lassen wir buchstäblich links liegen, obwohl Maria wie
die Spinne im Netz schon auf uns gewartet hat und uns ihre Bruchbuden mit muffigem Bad auf dem Flur für 30,-Euro anbieten will. Nein Danke.

Die Abkürzung zur Chora (den Fußweg) nehmen wir wegen unseres Rollengepäcks nicht, bleiben auf der Straße und passieren so an der nächsten Kurve das neue Haus von Maria Tressou
 

mit 6 Apartments, Telefonnummer steht am Haus.

Wir irren noch etwas in der mittäglich leeren Chora umher, wundern uns, dass wir uns hier sogar verlaufen haben, die Meltemi-Rooms daher nicht finden, und kehren dann zu den Apartments zurück.
 

Ein kurzer Anruf, schwups ist Maria zur Stelle, das Apartment nicht billig, recht klein,
45,- Euro aber mit herrlichem Blick über das Meer, wir sind die einzigen Gäste.

 

 

Maria ist eine ganz Genaue. Jeder Löffel, jede Gabel ist fein säuberlich in einer Liste eingetragen, jeder Teller, jede Tasse…

Zum Einchecken braucht sie natürlich den Pass, trägt alles in eine andere Liste ein, Ankunftstag, Abfahrtstag und fragt nach der Adresse in Deutschland – alles auf Griechisch, sie spricht kein Wort Englisch (warum sollte sie auch?) – und –allen Ernstes – nach dem Namen des Vaters und der Mutter! Alles wird feinsäuberlich eingetragen, erst dann ist sie zufrieden.

Die Kommunikation geht hauptsächlich per Zeichensprache, das angedeutete Schleppen von zwei Koffern bedeutet: Abreisetag.

In den nächsten Tagen gewöhnen wir uns ein. Unten bei Maria Melanitis wohnen noch ein paar Touristen, aber sonst haben wir die Insel touristisch gesehen wieder für uns allein, jedenfalls am Abend.

 

 

Denn tagsüber geht fast stündlich die kleine Autofähre Panagia Faneromeni hinüber zur Insel Milos nach Pollonia, die Fahrt dauert nur 20 Minuten, bringt etliche Touristen mit ihren Mietautos oder Motorrollern her, die sich dann für ein paar Stunden die Strände oder die beiden Tavernen im Hafen ansehen.

Auch unser Plan war es, ein Moped auf Kimolos zu mieten, aber Fehlanzeige, es gibt keinen Verleiher vor Ort. So laufen wir die Insel ab, wandern bis zum Marospilia Strand mit seinen bizarren Felsformationen im Hintergrund – wunderschön - zum Kalamitsi, Aliki, Klima und so weiter.

 

 

 

Wir freuen uns über die etwas urigen Kleinstfahrzeuge, die eine Versorgung in den engen Gassen der Chora sicher stellen, kaufen unser Frühstück im Dorfladen ein und kramen unsere letzten Griechischkenntnisse wieder hervor, denn hier spricht niemand Englisch. Wir merken bald, das hinter unserem Rücken getuschelt wird, wenn wir vorbeigehen, hören Wortfetzen wie „...sta domatia tis Maria Tressou…“, fühlen uns wie echte Exoten

 

 

 

Und Kimolos ist noch recht urtümlich – wie vor zwanzig Jahren. Die Häuser sind nicht so herausgeputzt wie auf den übrigen Kykladen, ein morbider Charme umgibt die Insel, der Fisch- und Gemüsehändler kommt mit dem Lieferwagen vorbei, Fahrräder gibt es auf der ganzen Insel nicht, Helmpflicht ist bis zu den  Motorradfahrern noch nicht vorgedrungen, Internet Fehlanzeige.

 

 

 

 

 

Fährpläne hängen nicht aus, die beiden Fährbüros liegen gut versteckt, meistens geschlossen, beim Nachbarn klopfen…

 

 

Nach sieben Tagen grüßt selbst der Wirt von der Hafenkneipe plötzlich freundlich. Respekt!


Unterwegs zeigt uns der Ziegenhirte stolz seine Tiere, fordert mich auf, sie doch zu fotografieren, die Menschen werden von Tag zu Tag freundlicher, schenken uns zu Pfingsten das traditionelle Hefegebäck.

 

 

Am Abend, wenn die meisten Tagesausflügler die Insel verlassen haben, wird es richtig gemütlich. In der Chora ist es nicht leicht ein Restaurant zu finden, das Panorama hat zwar geöffnet, läuft aber auf Sparflamme.

So ziehen wir hinunter in den Hafen und landen im „Exinousa“, das neben dem bekannten „To Kyma“ liegt – und haben Glück. Der Wirt Michalis und sein Kellner (sein Cousin) Angelos verwöhnen uns mit Köstlichkeiten. Oft sind wir die einzigen Gäste, was aber der Qualität keinen Abbruch tut – im Gegenteil.

Höhepunkte sind die besonderen Speisen wie Kartoffelsalat mit getrockneten Tomaten, Codfish mit Knoblauchcreme, und die Desserts wie echte (essbare) Honigwaben auf Vanilleeis (Kostas, der junge Imker bringt sie uns selbst stolz an den Tisch), oder sogar frisch gemachte Schokoladensoufflés.

So lässt es sich leben!

 

 

 

 

Das gibt Kraft für die Wanderung am nächsten Tag, wir laufen hoch zur Profitis Ilias Kirche, der alte Maultierpfad ist jedoch inzwischen schon einer Schotterpiste gewichen, die Kirche selbst ist leider verschlossen, der alte Mandelbaum hat seine Tage hinter sich.

 

 

Aber die Landschaft ist wunderschön und der Weg lohnt sich allemal, wir genießen den herrlichen Blick, ich zücke mein Fernglas und kann es mir nicht verkneifen, einen Blick auf die Privatinsel der Ventouris zu werfen.

 

 

Auf dem Rückweg entdecken wir dann bei unserem Streifzug durch das Dorf wieder einmal unseren Lieblingsspruch – diesmal als Graffiti an der Wand:

Kimolo mou – Paradeiso mou.

 

 

Ja, jetzt kenne ich seine wahre Bedeutung. Kimolos ist uns zum Paradies geworden.

Und unsere Abfahrt mit der Romilda um 5:30 in der Früh passt genau in dieses Bild.

 

 

 

 

 

 

 

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