FOLEGANDROS - JUNI 2022, WIE IMMER?

Was soll ich von Folegandros erzählen, dieser Insel der Gegensätze?
Dass sich auch hier viel verändert hat – selbst nach einem Jahr unserer Abwesenheit?
Soll ich die Geschichte noch einmal aufrollen, vom Bauer Georgios und der Bäuerin Maria, die auf Mykonos mit der Vermietung ihrer Ziegenställe an Hippies meiner Meinung nach den Tourismus auf den Kykladen erst in die Puschen gebracht haben? Was sich natürlich langfristig auch auf Folegandros ausgewirkt hat, dieses damals verschlafene Nest, einer Insel mit drei Bergen, wenn  man sie denn überhaupt gefunden hatte, denn die windumtoste Insel wurde nur sporadisch von den Fähren angefahren. Die Einwohner waren froh, überhaupt einfachste Unterkünfte an Touristen vermieten zu können. Jedoch ist es wie überall auf der Welt. Das pekuniäre zählt. Wenn ich die Rooms besser ausstatte, kann ich auch mehr Geld dafür nehmen, ein paar neue Betten, teure Möbel, vielleicht ein kleiner Pool, und schon rollt der Rubel, oder besser die Drachme, denn die betuchte Klientel fühlt sich angesprochen und zahlt gerne Preise, wie sie auf Santorini oder in europäischen Destinationen auch sonst üblich sind. Dabei bleibt vielleicht der an Land und Leute interessierte Individualtourist mehr und mehr auf der Strecke, aber das zählt offenbar für die Einwohner nicht. Auf manchen Kykladeninseln wie Donousa, Amorgos oder Iraklia entwickeln sich mittlerweile Initiativen, nach dem Motto „Rettet unsere Insel, lasst sie so bleiben wie sie ist“. Kreuzfahrtschiffe in der Bucht von Amorgos und Hochzeiten von nicht-Insulanern in großem Umfang selbst auch den kleinsten Inseln bringen zwar Geld in die Kassen, aber vielleicht zerstören sie auch viel. Soeben habe ich gehört, dass sogar auf Koufonissi  eine neue größere Hochzeitskirche gebaut wurde, um noch mehr größere wedding-Gesellschaften bedienen zu können. Ja, das Heiraten auf den Inseln ist mittlerweile zum lukrativen Geschäft geworden.

Aber genauso ist das Negative für mich auch sichtbar, auch wir tragen einen Teil dazu bei. Ein Mietauto ist einfach praktisch, und die Betten sind sooo bequem geworden…Was wir damals als unsere Alternative zum Jakobsweg gesehen haben, hat sich gewaltig verändert, obwohl, der Jakobsweg ist allerdings auch nicht mehr das, was er einmal war, glaub ich gehört zu haben.  

Zurück zu Folegandros. Was soll ich also von dieser Insel erzählen?
Dass es hier noch die Bauern gibt, die ihre Esel und Mulis brauchen, um ihre Felder zu bestellen und um ihr Vieh zu versorgen? Dass der letzte Schäfer seine Tiere allabendlich durch die Landschaft treibt, da die Weiden immer weniger zu fressen bieten? Dass es hier vielleicht kaum noch Fischer gibt, die von ihrem Fang leben können?

Oder soll ich schreiben, dass neben den Fischerbooten gerade die Luxusyacht „Rare Find“ festgemacht hat? (12 Gäste, 6 Kabinen, 12 Crew-Mitglieder, 260.000 € Miete pro Woche in der Vorsaison zuzüglich Nebenkosten.) Und ein paar Tage später die MARIU, auch für 12 Gäste, aber preiswerter, nur 185.000 € die Woche.

Ganz zu schweigen von den Nobelhotels, die mehr und mehr auf der Insel entstehen, wie das Anemi für 512 € mit eigenem Pool, oder das kürzlich eröffnete Avaton, 585 € pro Nacht fürs Doppelzimmer, allerdings nur in der Vor- oder Nachsaison. Diese Unterkunft nimmt am Programm „Nachhaltig reisen“ teil. Fragt sich nur, was „nachhaltig“ bedeutet.

Ganz in der Nähe vermietet Lisbet ihre schön restaurierten Unterkünfte bei den 3 Windmühlen, preiswert. Die atemberaubende Aussicht, die Gemütlichkeit des Hauses, die ruhige und natürliche Atmosphäre an diesem magischen Ort dort oben zwischen den Windmühlen ist unbeschreiblich. Fast mit Blick auf das Avaton.
Ja, natürlich gibt es dieses urtümliche Folegandros noch, und man kann sich auch in Ano Meria bereits idyllisch gelegene Unterkünfte mieten.

Bei allem Verständnis für Fortschritt, aber die Strahlkraft der Insel bleibt auf der Strecke, die Schönheit lässt sich im Tunnelblick fotografisch noch festhalten, was ich versuche, was allerdings meist nur in den ungeschönten alten Gassen mit ihrer ursprünglichen Kykladenarchitektur gelingt, wo noch das richtige Dorfleben stattfindet.

An der schmalen Straße runter nach Angali mussten die prächtigen Oleanderbüsche leider einem Parkstreifen für Mietautos weichen. Von denen gibt es immer mehr.  
Aber ich will nicht Schwarzmalen. In den Restaurants oberhalb der Bucht sitzt man gemütlich, der Strand ist wohl der einzig wirkliche Sandstrand der Insel. Also ist es nicht verwunderlich, dass es in Angali immer voller wird. Und mittlerweile gibt es sogar eine eigene Buslinie hierher, die gesamte Flotte besteht jetzt aus drei großen und einem neuen kleinen Bus, was früher der kleine alte Inselbus allein bewältigt hat. Und mit ihm ist natürlich auch der der alte Busfahrer in Rente gegangen.

Unser gewohntes Quartier können wir leider nicht beziehen, ausgebucht. Denn es finden an diesem Wochenende gleichzeitig zwei Hochzeiten statt, die Hochzeitsgesellschaften mit über 130 Personen belegen sämtliche Zimmer. Wer genau dort heiratet, weiß selbst Uta nicht, die mit ihrem Restaurant To Sik zusammen mit dem O Kritikos die Abendverköstigung ausrichtet. Tische und Stühle stehen schon.

So beziehen wir unser Zimmer dieses Mal im Hafenort Karavostasis, immerhin mit Meerblick und fußläufig zu den Stränden in der Nähe, essen seit langem wieder in der Taverne Kalymnios an der Straße, oberhalb des Dorfstrandes.
Ein wenig Nostalgie macht sich am Abend breit, wir beobachten das Anlegen der Fähren und sind vom unglaublichen Blau der Hafenbucht versöhnt.

Bäcker gibt es übrigens auch wieder, und zwar gleich zwei, zwar nicht in der alten urigen Backstube beim Spitiko. Am Rande von Chora hat ein neuer Laden aufgemacht – Kanela (Zimt), und die Konditorei The Baker fast nebenan bietet jetzt auch Brot an (falls sie noch etwas hat) und andere traditionelle Produkte. So ist die Versorgung jedenfalls gesichert.

Dennoch, abends in der Chora ist es immer noch gemütlich, wenn auch etwas mehr Trubel herrscht als sonst. Ein paar neue Lokale haben aufgemacht, andere schon wieder dicht, wie das Ta Kouroupia, wo sich jetzt der Souvlaki Club ausgebreitet hat. Die kleine Pita-Bude hat mächtig aufgerüstet. Frischen Fisch gibt es im To Barbounaki, es war schon immer ein Fischlokal, wir erinnern uns noch gerne an Nikos mit der Kochmütze.

Der Turm der Panagia-Kirche hoch droben hat endlich sein Gerüst verloren, die jahrelange Renovierung ist, der Gottesmutter sei Dank, jetzt abgeschlossen, ein Postkartenmotiv endlich wieder makellos.

Ja, Postkartenmotive gibt es noch reichlich, weit entfernt von den Nobelhotels, die offenbar immer näher rücken. Und auch den Touristen wird einiges leichter gemacht, so sind viele der Korbgeflechtstühle, die auf den drei Dorfplätzen vorherrschen,  mittlerweile  mit Sitzkissen ausgestattet. Manche werden halt auch bequemer, der Tourist wird älter, der Arsch wird kälter. Und Folegandros fokussiert sich halt eher auf die Jüngeren. Wem wollte man es verdenken?

RICHIS KYKLADENFIEBER